Der kleine Buchstabe

π


Was ist das, gnädige Frau? –

Ich werde es Ihnen sagen, das ist ein griechischer Buchstabe, er heißt Pi. Nein, er heißt wirklich so, und er gehört nicht zu den Dingen, über die Sie Ihren Herrn Gemahl abends beim Schlafengehen zu interpellieren brauchen wie über den Witz, über den alle Herren so gelacht und den Sie leider nicht verstanden haben ... Er heißt Pi, und denkt sich weiter nichts dabei. Und man bedient sich seiner zu einer sehr merkwürdigen Sache.

Rechtecke mißt man bekanntlich mit Quadratzentimetern. (Na! die Verlobungsanzeigen können Sie nachher lesen, gnädige Frau!) – Man packt, wie Sie sich sicherlich aus der Schule her noch erinnern, die kleinen Quadrate in das Rechteck hinein (ungefähr ist das so) – und so viele hineingehen, soviel Quadratzentimeter enthält die Figur. Beim Kreis klappt es nicht. Es geht nicht auf. Es bleibt ein kleiner, verflixter Rest – eine Zahl spielt da eine Rolle, die will nicht aufgehen, wieviel man auch schon an ihr herumgerechnet hat – sie tut es partuh nicht, wie der Berliner sagt. Das ist die Zahl π und sie beträgt 3,1415 ... und dann kommen Hunderte und aber Hunderte von Dezimalstellen, immer kleiner und kleiner werden sie, bis sie sich in der grauen Unendlichkeit verlieren – aber sie geht nicht auf. Warum ich das hier erzähle?

Wir sind in Deutschland exakt oder inexakt – aber was auch geschieht, geschieht im Hinblick auf eine starre Richtlinie. Manchmal wird sie nicht eingehalten, aber schon Weininger hat darauf aufmerksam gemacht, dass der Verbrecher weiß, dass es ein Sittengesetz gibt, das für ihn gültig ist und das er verletzt hat. Wir sind ordentlich. Wir ruhen nicht, bis wir die Ordnung festgestellt haben. »Feststellen« ist ein sehr deutsches Wort. Da steh und rühr dich nicht vom Fleck – für alle Ewigkeit! Wir habens mit den Quadratzentimetern.

Das Leben aber ist ein Kreis. Es bleibt beim Ausmessen ein winziger, verflixter Rest, etwas, das nicht aufgeht, nie und niemals. Diese irrationale Zahl entzieht sich der strammen Zucht der Meßbarkeit – beinahe hohnvoll kommts dem Gendarmen vor –, ordnet sich nicht unter, spielt nicht mit ihren aberwitzig vielen hundert Dezimalstellen ... Nicht zu fassen ist sie. Der Kreis läßt sich in Quadratzentimetern nicht ganz exakt ausdrücken, der Rest bleibt.

Soweit gut. Aber wie hilflos, wie ungeschickt, wie verständnislos steht diese Exaktheit dem Lebendigen gegenüber!

Ein Verbot wird erlassen. Ein kleiner Junge übertritt es, es ist nichts Schlimmes, das sieht alle Welt, Schaden hat er nicht angerichtet. Er wird bestraft. Grund: »Wenn das jeder tun wollte!« Aber es tut doch nicht jeder! – Eine Anordnung ergeht. Jemand erfüllt sie nicht ganz, läßt sie durch seinen Bruder erfüllen, der Zweck der Anordnung wird erreicht. Nichts da. Anzeige, Untersuchung, Verhandlung, Strafe. Grund: »Der Text des Gesetzes ... « Das kommt täglich vor; dieselben Leute, die sich bei diesen Vorgängen beteiligen, schimpfen wie die Rohrspatzen, wenn sie selbst von so etwas betroffen werden. Was sie aber nicht abhält, im Dienst »ihre Pflicht zu tun«. Das ist der Quadratzentimeter.

Die Abneigung gegen das π ist groß, denn hier ahnt der Starre, der Ordentliche die große Gefahr seines Lebens, der er nicht gewachsen ist. Gut, man soll also menschlich, »sinngemäß«, den Umständen nach vorgehen – ausgezeichnet! Aber wie soll man sich da verhalten? Was ist zu tun? Einfach genug: Zu diesem Zweck erläßt man »Ausführungsbestimmungen«, die wieder die alte Starre herstellen, und alles wiederholt sich und geht genauso zu wie das vorige Mal. Da werden Fälle aufgezählt, da denkt der Gesetzgeber, der Quadratische, an alles, was es überhaupt gibt. Und dann werden die Ausführungsbestimmungen geschlossen, die Anwendung setzt ein – und dann kommt der Kreis, das irrationale π und macht eine Ausnahme. Eine winzige kleine Ausnahme. Es geht nicht auf. Und der Quadratische steht wiederum da und kann nicht vom Fleck. Und hilft sich dann so, dass er brutal wird, und hier wird die Geschichte unangenehm. »Ich kann nicht unterscheiden, wann ich es erlauben und wann ich verbieten soll – dann verbiete ich es eben ganz, da können wenigstens keine Zweifel vorkommen!« Das ist die Argumentation, die man überall – und manchmal wörtlich – antreffen kann. Auf den Behörden, beim Militär, auf der Polizei, in den Wohnungsämtern, in den Organisationen, in den Zentralstellen, in privaten Ausschüssen, Vorständen, Präsidien – bis zum Hausportier herunter herrscht die Sucht vor, durch eine einmalige, ein für allemal zu treffende Verfügung das Leben zu meistern und dann automatisch danach zu regieren. Und das geht nicht. Es geht allemal in die Brüche.

Der Starre steht dem π verständnislos gegenüber. Er wittert das Chaos, die Unordnung, die Gefahr. Er weiß sich vor der Anarchie nicht anders zu retten als durch den Quadratzentimeter. Verläßt er ihn, rutscht er ins Bodenlose. Aber π bedeutet gar nicht Weltuntergang.

π bedeutet nichts weiter, als dass es ein unsichtbares, mit den rationalen Mitteln nicht zu erfassendes Gesetz gibt, das man im Herzen, in den Fingerspitzen, in der Witterung haben muß, um es zu begreifen. π ist der unmerkliche, ohne Winkelmaß gefühlte Schwung, in dem ein Vogel sich zur Erde niedersenkt – berechnet ist er nicht. π ist das Gesetz, nach dem der Bumerang fliegt und zum Werfer wieder zurückkehrt; π ist die ohne Lehrbücher gefühlte Schwere einer Wabenwand im Bienenkorb. Tiere und Wilde haben es immer – die Kulturmenschen haben es oft verloren. Das, soweit es die körperlichen Funktionen angeht. Aber es gibt auch ein π in den geistigen, und dass wir es da so oft verlieren, das ist schmerzlich und beschämend zugleich. Es gibt einen Stand, der sollte es vorzüglich haben und hat es leider gar nicht mehr, das ist der, der berufen ist, zu richten. »Aber das ist ein weites Feld ... «

Es sind zwei Welten, eine weltenweite Kluft liegt zwischen den beiden Leuten: die vom Quadratzentimeter und die vom π. Die ersten sind starr und korrekt und im tiefsten ungerecht; die zweiten geben nach, lassen einmal fünf gerade und den lieben Gott einen guten Mann sein, begehen Fehler dabei, das ist sicher, es kommen auch Willkürlichkeiten vor – und mit allen ihren Fehlern und Willkürlichkeiten sind sie den anderen tausend und tausend Mal überlegen in der Bewältigung des Lebens und in der Liebe zu den Menschen. Sieht man die Starren an, so wird man an das Wort erinnert, das bei einem Familienskandal ein alter Onkel in einem Stück von Heijermans, »Kettenglieder«, spricht: »Wir sind doch nicht dazu da, um uns das Leben angenehm zu machen!« – Doch, ich glaube, wir sind dazu da. Es ist nämlich nicht nur ethisch schöner, nett zu den anderen zu sein – es ist auch bedeutend praktischer. Die allgemeine Atmosphäre wird gemütlicher, es lebt sich leichter und freundlicher, das Leben wird bekömmlicher, wohlschmeckender, die Luft reiner. Wenn einer stupst, stupsen alle. Wenn aber alle höflich und abwartend einsteigen, bekommen alle leichter einen Platz.

»Rechts gehen!« ist eine gesunde Verkehrsregel. Aber eine beinahe noch bessere, vernünftigere und eminent praktischere ist: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

So, gnädige Frau, und nun wollen Sie sicher Ihre Verlobungsanzeigen lesen.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 16.08.1924.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright