Brief nach Wien


Lieber Herr!

Wir hören hier so viel von Wien, und davon, wie schlecht es dieser sterbenden Stadt nun geht, und wie hilfsbedürftig sie geworden ist, und wie orientalisch: es gebe nur ganz oben und ganz unten, und zwischen Lumpenproletariat und gleißendem, lackiertem Reichtum zuckt eine ganze Mittelschicht in der Agonie. Aber Sie wissen doch wenigstens – bei allem Elend –, woran Sie sind. Wir wissens nicht.

Bei uns liegen die Dinge so, dass noch niemand ahnt, was aus der Entwicklung des neuen Berlin herauskommen wird. Nur: dass etwas unsagbar Scheußliches herauskommt, das wissen wir schon. Aber alles ist noch im Lauf, alles fließt, und so sieht es jetzt hier aus:

Dem Mittelstand gehts am schlechtesten. Er zehrt vom alten Ruhm, vom alten Glanz und von der Erinnerung an den alten Kempinski (der eine spezifisch berlinische Erscheinung gewesen ist und so recht ein Symbol für diesen alten luxuriösen Mittelstand). Das ist dahin. Sie laufen noch auf den alten Stiefeln – aber wie lange sollen die halten? Was dann kommt, ist die schmerzlich-bittere Erkenntnis, dass es nun aus ist mit der bescheidenen Lebenshaltung (»Sechserdasein« nannte es Fontane), mit jenem kargen Leben, das aber immer noch reich war, weil man billig Butter und noch billiger geistige Werte einkaufen konnte. Und bei allem leisen Lächeln über die Kunstwart-Leute: sie haben doch immerhin ein Licht in ihr Leben hineingetragen, und wenn ich das Neue alles mit ansehe, dann kann ich über die Leute von damals nicht mehr lächeln.

Denen gehts also nicht gut, und über ein Weilchen werden sie klaftertief in ihrer Lebenshaltung gesunken sein. Und die Neuen? Und die Heraufgekommenen?

Sehen Sie, lieber Herr, das ist ja das Traurige, wer da heraufgekommen ist. Wenn früher einmal solch große Umwälzungen vor sich gingen, dann stiegen vielleicht Freibeuter auf, politische Abenteurer oder starkknochige Geschäftsleute der Fugger-Zeit, deren Väter wohl noch den Pflug gelenkt hatten. War das schlimm? Für die grade Unterliegenden sicherlich. Aber es kam frisches, unverbrauchtes Blut in die Gesellschaft, es kamen neue, windumwehte Leute herein, breitbeinige Kerls, deren Söhne dann die Verfeinerung rasch weghatten, doch auch noch lange Generationen hindurch die Stärke vom Stammvater, der Muskeln wie Eisen gehabt hatte. Bei uns?

Bei uns ist ein schwacher und verbrauchter Großstadttyp heraufgekommen – Leute, die zwar viel Skrupellosigkeit, aber doch verhältnismäßig wenig Kraft aufzuweisen haben. Was sind denn das meist für Menschen, diese neuen Reichen? Bauern? Ach, wären sies! Um die reich gewordenen Bauerngenerationen ist mir nicht bange. Aber die Mehrzahl, das sind doch kleine Krämer, denen eine richtige Konjunktur die richtigen Waren in die Hände gespielt hat und die nicht so dumm gewesen sind, die nun von der Hand zu weisen. Schlechtes Blut. Keine Rasse. Und vor allem: keine Kraft.

Und das nun bestimmt hier den Ton, das hat Geld und gibt es mit vollen Händen aus. Man sieht in den elegantesten Lokalen Berlins Gesichter mit Mündern – Münder können einem ja nichts vormachen –, mit Mündern, lieber Herr, wie sie früher die Nachtportiers nicht gehabt haben. Das ist obenauf, das kauft Bilder und füllt die Logen. Noch halten die guten alten Familien, soweit sie nicht ausgestorben sind, noch halten sie Stange, noch leisten sie Widerstand, noch spürt man hier und da kleine Hemmungen. Aber wie lange wird das anhalten? Schließlich ist ja doch Geld eine Waffe, der die Gesellschaft auf die Dauer der Jahre nicht widerstehen kann – und dann? Und dann?

Dann haben wir die Verpöbelung Deutschlands, nicht nur Berlins in vollem Maße. Denn dieses neue verbrauchte, nicht gute Blut wird natürlich in der zweiten Generation noch übler werden. Es ging mit diesen neuen Reichen allenfalls an, solange sies noch nicht waren, damals, als sie um jedes Markstück sich quälen mußten. Aber nun sehen Sie sich diese dicken, in Samt gequetschten Frauen an, sehen Sie diese blutleeren, pinselblonden Söhnchen, denen heute Vaterns Geld alles leicht macht, und die nicht mehr zu kämpfen brauchen, also noch widerstandsunfähiger werden. Und es ist nicht einmal das schöne Schauspiel einer Dekadenz: es ist einfach Schwäche, die sich hinter Frechheit verbirgt. Und stillose Schwäche.

Das Malheur kommt erst. Es ist dann da, wenn diese kurzstirnige, kleinkalibrige Rasse – ob Christen oder Juden, ist ganz gleichgültig – fest im Sattel sitzt, wenn die kleinen Unsicherheiten abgestreift sein werden, und wenn dem Sohn die kleinen faux pas, die heut alle Welt beim Vater belächelt, nicht mehr passieren. Er ißt Hummer nicht mit dem Suppenlöffel, o nein! Er weiß, was sich gehört. Mit Rilke wird er nicht ganz so richtig umgehen.

Doch er wird sich da auch ein Air geben. Aber dass diese Schiebermoral, diese Selbstvergottung, diese Anbetung des alten schlechten deutschen Geistes (»Bei uns herrschte damals doch wenigstens Ordnung« – notabene: eine, die sie reich gemacht hat ... ), dass diese unbedingte Sicherheit, herrührend von der Annahme, dass zwar nicht alles mit Geld, aber alles mit sehr viel Geld zu machen sei – dass diese neue Welt die alte in Grund und Boden korrumpieren wird: darauf können Sie sich verlassen.

Unser Elend ist groß. Ob es wirtschaftlich je eure Not erreichen wird, steht dahin. Aber dass wir in dreißig Jahren eine nette Gesellschaft an der Spitze haben werden – wo sitzt heute Geld! –: das weiß ich gewiß.

Grüßen Sie Wien von mir, lieber Herr. Ich kenne es gar nicht – aber grüßen Sie es. Grüßen Sie den großen Schriftsteller und grüßen Sie die paar guten. Grüßen Sie die lustige Zeichnerin Ada und grüßen Sie sich recht herzlich. Und sagen Sie allen, dass es Berlin noch nicht so schlecht geht wie Wien. Aber wir werden sehen, was sich tun läßt.

Ihr

Peter Panter

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 08.01.1920, Nr. 2, S. 49.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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