Briefbeilagen



Auburtin


Das ist eine Wohltat und eine Erfrischung: ›Was ich in Frankreich erlebte‹ von Victor Auburtin. Nach all den großmäuligen Berichten neuartiger Helden, die die Wirkung von Technik, Organisation, Krafthuberei und einem kleinen Teil wirklichen Muts zusammenrafften; nach all den Bilderbüchern dieser Lokomotivführer der Kriegsmaschine, die Hans von Weber einmal mit Hektor verglichen hat (als ob das Heldentum Hektors in der Leistung und nicht in der heldenhaften Gesinnung ruhte); nach all diesen Bändchen von Männern, die, wie einmal Thomas Mann von einer Figur sagt, keine Ereignisse, sondern Zeitungsberichte über das Ereignis erlebt hatten: nach all diesem Schund endlich wieder einmal ein menschliches Zeugnis aus dem Kriege.

Auburtin, der deutscher Korrespondent in Paris war, wurde dort verhaftet, eingesperrt, der Spionage angeklagt, das Verfahren wurde eingestellt, man schaffte ihn nach Korsika, und als er dann von dort entlassen und ausgetauscht wurde, schrieb er aus seinen geretteten Notizen und aus dem Gedächtnis dieses Büchelchen (erschienen im Buchverlag von Rudolf Mosse).

Das was ist ja nichts Sonderliches, für frühere Zeiten eine kleine Odyssee, heute ein Alltagsschicksal mit einem Sonntagsschluß – aber das wie ist himmlisch. In den Aufzeichnungen steckt die herrliche Überlegenheit des Unterlegenen. Das ist so konsequent: wie er immer wieder sagt: ›Diese Zeit ist nichts für mich‹ (die Worte finden sich nicht in dem Buch), und wie er auf jeden Kompromiß zwischen Macht und Geist verzichtet. Denn, liebe Umgefallene: es gibt keinen.

Entzückende Einzelheiten sind in dem Heftchen. »Sie haben von den historischen Tagen der Väter gehört und wollen nun auch ihre große Zeit erleben.« Das ist ein Motto, und nicht nur für dieses Buch. Es ist jammerschade, dass sie Herrn Auburtin damals nach Korsika abtransportiert haben; wir hätten alle mehr davon gehabt, wenn er zufällig portugiesischer Staatsangehöriger wäre, und er hätte nun, Victor Auburtin, der er ist, dieses Spektakel in Frankreich miterleben dürfen. Er hat ja im wesentlichen das Schicksal von Annette Kolb: er schwankt zwischen den Rassen, liebt beide und wird deshalb von beiden beschimpft. »Selig der Mann«, sagt Auburtin einmal, »der Krause heißt und aus Tilsit gebürtig ist. Er steht auf Felsengrund.« Aber da wollen wir ihn stehen lassen und uns hübschem Dingen zuwenden, zum Beispiel, wie die französische Geheimpolizei eine Auskunft über den p. Auburtin gibt: »Er ist überzeugter Alldeutscher, Mitarbeiter des pangermanistischen ›Berliner Tageblatts‹ und durchaus fähig ... « Aber das wundert mich nun wieder gar nicht – denn das Kapitel der Spionage ist (bei den Franzosen) ein sehr dunkles Kapitel ...

Einige Kraßheiten, Verdauungsangelegenheiten betreffend, sind leider in dem Buch. Nicht, als ob man nicht von diesen Dingen sprechen sollte, aber es gehört eine Bullenkraft dazu, um davon zu sprechen; bei Auburtin wirkt dergleichen ein wenig ... im Vorwort steht das Wort ›forsch‹. Es paßt nicht zu ihm.

Ich bin beim Lesen, obgleich doch auch traurige Seiten da sind, kaum aus dem Schmunzeln herausgekommen. Und Schmunzeln ist ja die schönste Art Lachen. Er sagt, die Deutschen seien den Franzosen unentbehrlich. »Wer soll ihnen ihre elektrischen Klingeln instandsetzen, was sie nie herausbekommen werden.« Oder von dem Interniertenlager: »Wir machten den Eindruck eines mittelkräftigen Irrenhauses.« (Was wahrscheinlich auf alle Leute zutrifft, die so eng miteinander leben müssen.)

Aber viel schöner ist der eigentliche Auburtin, der mit der ›Inselsehnsucht‹, wie er die Sehnsucht der Deutschen, nein, der Menschen nennt, allein zu sein. Es ist ein schmerzlich-lustiges Schauspiel, einen Menschen mit dünnem Trommelfell in einem Sousaschen Orchester neben dem Trompeter sitzen zu sehen und grade vor der Pauke. Und er kann die Stille singen machen, und weil er weiß, dass der Weg das Ziel ist, deshalb zerläuft ihm sein Leben auch nicht wie so vielen, sondern es rollt sich langsam und leise ab, und jede Minute ist ein volles Glas mit herbem oder süßem Wein.

Menschlich am anständigsten ist, wie der Schluß nicht der in diesen Büchern sonst so beliebte Schluß ist, so mit Bumtrara auf die Heimat – sondern ein inniges Gedenken an die Gefangenen in Korsika und der Wunsch, man möge sie bald befreien. Worauf sie wohl noch lange zu warten haben werden.

»All das«, sagt er an einer Stelle, »ist natürlich nur ein Traum. Ich werde jetzt gleich erwachen, nach links greifen und ihre Hand finden.« Und weil man so – so selbstverständlich, so zusammengehörig, so einfach – nur von einer Frau sprechen kann, die man sehr liebt, deswegen habe ich Dir heute seine ›Onyxschale‹ mit der Post geschickt, und ich hoffe, Du wirst sie bald in Händen haben.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 20.06.1918, Nr. 25, S. 567.





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