Tote Stadt und lebende Steine


Arles (Südfrankreich), im Dezember.

Nordöstlich von Arles liegt ein kleines Städtchen, das heißt Paradou. Wenn man dort ein Stündchen nach Norden geht, so kommt man in Berge, die ›Die Alpchen‹ – Les Alpilles – heißen. Die Berge erheben sich milde gerundet zu ein paar hundert Metern Höhe, sie sind schwach bewaldet.

Dann nehmen die Erhöhungen merkwürdige Formen an, werden sonderbar gefleckt, grün und grau, und geht man weiter und immer weiter, so biegt man um eine Bergnase herum und steht schließlich in einem stillen, weltverlorenen Tal mit wenigen Häusern. Der Blick sieht aufwärts und trifft auf ein Wunder. Hier liegt, im Stein, eine tote Stadt. Das sind Les Baux.

Hier im Tal und auf den Höhen stand einst eine Stadt, eine große und mächtige Stadt von viertausend Seelen. Beherrscht und gekrönt wurde sie von einem riesigen, mit damaligen Mitteln der Kriegskunst uneinnehmbaren Schloß. Seit neunhundert Jahren steht die Stadt. Es ist ganz still um mich, kein Vogelruf, kein Baumrauschen, kein Wagenrollen – nichts. Grau und windstill steht der Tag. Was sieht man?

Man sieht: Vineta auf den Bergen. Man sieht eine versunkene, eine mit den steinigen Bergen verwachsene, versteinerte, verfallene und tote Stadt.

Bergan führt ein schmaler, rasenbewachsener Pfad. Geröll, Schutt, bröckelnde Steine. Erhalten sind: Teile der Stadtmauer, das alte Tor, eine benagelte graue Pforte, die Räume der Stadtwache. Und, weiter aufwärts: Mauern von Häusern, eine Hauswand, ein riesiger Renaissance-Kamin mit einer verwitterten Jahreszahl, verfallene Häuser, von denen nur noch die Wände stehen, gut erhaltene Häuser, enge Straßen. Und alles auf den Felsen gebaut, an die Windungen der Berge geschmiegt, kletternd und mit ihnen fallend, eng, winkelig und still. Es leben Menschen da. »Wir sind sechzig«, sagt ein Mann, »sechzig – aber wir nehmen Jahr für Jahr ab – es ist nichts los auf dem Lande.« Nein, hier ist nichts ›los‹. Aber hier ist etwas anderes.

Da ist eine alte Kapelle, die nichts mehr ist als ein Rasenplatz für die Hühner mit ein paar Mauern drum herum; da ist das Haus der Porcelets, einem alten provenzalischen Geschlecht, die in Arles auf dem Begräbnisplatz Aliscamps ein ritterliches Totenmal haben; da sind verfallene Türme, enge Straßen – und da ist die kleine Kirche. Die Sakristei ist im Jahre 1908 abgebrannt, mitten im Hochsommer – aber die Schwarzberockten sind noch da; sie haben lachende und munter lärmende Jungen um sich versammelt, die sie wohl unterrichten ... Die Kirche ist klein; eine Seitenkapelle ist in den Fels gehauen. In der vermauerten Krypta ruhen die, die hier geherrscht, gefochten und gelebt haben. In einem Grab fand man – aus dem Jahre 1437 stammend – lange blonde Frauenhaare. Niemand weiß etwas darüber.

Ich trete aus der Kirche heraus, bitte einen alten Mann des Dorfes, mich zu begleiten – und wir klettern die steinigen Wege weiter hinauf, zum Schloß.

Viel ist nicht mehr davon da. Die Ritter waren den zentralistisch gesinnten Königen eine schwere Last – immer wieder wurde zerstört, immer wieder angebaut und aufgebaut – bis Richelieu der Sache ein endgültiges Ende machte: 1632 war es aus. Und zerbröckelt seitdem ...

Der grau-weißliche Boden ist Kalkstein, leicht zu bearbeiten, und was haben sie da nicht alles gemacht! Es ging ein Postengang um das ganz riesige Schloß herum, ganz und gar geschützt, in den Fels gehauen; die Kapellen, die Säle, die Höfe – alles hat doppelten Schutz: den der Menschen und den der Felsen, Wir klettern, so hoch es möglich ist.

Weit sieht man ins Land. Ganz im Süden, jetzt unter dem Dunst verborgen, liegt das Meer – es ist nicht einmal sehr weit entfernt. Die blühende Ebene wird sichtbar, bis nach Marseille hin und Aigues-Mortes nach der anderen Seite.

Von oben sieht man die ganze tote Stadt. Stil geht in Stil über – da haben Gallier gehaust und Sarazenen, die sich einen Turm gebaut haben, an den Gotteshäusern haben Epochen gebaut und verbessert – romanische, gotische, spätere Bauarten sind deutlich erkennbar. Grau und weißlich liegt die ehemalige Stadt, stumpf sind die Farben – man weiß nie genau, ob dies Felsen sind und jenes Mauerreste, ob diese ungeheure Form einer dicken Benediktinerflasche Natur ist oder die Arbeit der Steinmetzen. Die Stadt hat sich den Felsen assimiliert und ist selbst Fels geworden. Wir kriechen in die einzelnen Höhlen und Häuserreste: Backöfen sind zu erkennen und alte Kamine, Stufen und Pfostenlöcher, die Stellen, wo einmal ein Fußboden war, und Vertiefungen an der Decke, da haben die Schinken gehangen. Und einmal sieht man von einem Steinfenster ins halbe Tal – da liegt ein alter gallischer Friedhof, die Gräber sind in den Fels gehauen. Jetzt ist er leer, hohl und offen starren die länglichen bloßgelegten Rechtecke zum Himmel.

Noch bis vor dreißig Jahren hat man hier Steine weggekarrt und zum Bau von Häusern verbraucht – das ist nun verboten, die Stadt wird geschont wie ein Naturschutzpark. Und das ist recht, denn sie ist sicherlich nicht alltäglich.

Wir klettern zu Tal. Ich kann mich nicht trennen und gehe in den Häusern herum; hier sind noch alte, ganz verräucherte Fresken zu sehen und da eine Treppe – und der Führer erklärt. Es ist ein alter Mann, der nett ist und nichts ableiert – wenigstens hört man kein Uhrwerk schnurren – und unaufdringlich ist er auch. Wenngleich ... »Dies ist der Turm einer alten Windmühle – ja – und hier ist die alte Kirche der heiligen Katharina – ja – und das ist meine Frau, die die Ansichtskarten verkauft!« In der Tat: ein Prachtstück aus dem sechzehnten Jahrhundert (vor Christi Geburt). Ich kaufe ihr Karten ab, weil mir so romantisch zu Mute ist, und dann gehen wir weiter.

Unten im Tal, hinter einer alten Ölmühle, liegt ein eingefaßter Rasenplatz, das Gras wächst wild, er ist ganz verlassen. Eine alte, dicke Frau öffnet das Holztor – in der einen Ecke steht, grau, verwittert, aber zierlich wie am ersten Tag: ein reizender kleiner Renaissance-Pavillon. Hier hat die reine Jeanne eine Cour d'amour abgehalten – von den vier Pavillons ist dies der einzige, der noch erhalten ist. Man kann sich den Garten dazu vorstellen und die Damen mit den Schleppen ... Ich trete näher. Vielleicht irgendein Zeichen der Vergangenheit ... An der Wand steht, dick und schwarz:

Guiseppe Scuilucco

und ein krummes Schwert. – »Was ist das?« frage ich den alten Mann. »Ça – c'est du cinéma!« sagt der Bergbewohner. Und erzählt, vom größten Tag seines Lebens. Das haben die Filmleute angezeichnet, denn sie haben hier einen gedreht: ›Die Rache des Schmugglers‹, und er hat Komparserie gemacht. Dreißig Franken den Tag! Und sein Sohn war dabei und Maultiere und – heiliger Lubitsch! – dreißig Reiter mit einemmal! Ich verwunderte mich, wie es sich gehört.

Ob ich die Feengrotte noch sehen wolle? Die Feengrotte..? Ich denke an den Harz, wo die Grotten elektrisch erleuchtet sind, sauber parkettiert und mit Geländer für Jugendliche versehen. Meinetwegen. Er führt mich.

Die Feengrotte liegt im Tal, am jenseitigen Abhang. Er zeigt den Eingang: ein von Buschwerk fast verwachsenes Brunnenloch, bemooste Steine, Gras. Und da der Ausstieg: dasselbe. Ein- und Ausgang liegen ungefähr sieben Meter voneinander entfernt. Die Höhle ist, soweit er sie mir zeigen will, hundert Meter zu begehen. Gemacht.

In das Eingangsloch stieg ein ganz reputierlich aussehender Mann, Mitarbeiter durchaus geachteter Organe, unauffällig, sauber gekleidet. Aus dem Ausgangsloch wurde, nach einer halben Stunde, gezogen: ein von oben bis unten beschmierter, nasser, bekolkter, an den Händen blutender und hutloser Mann. Der Mann lag oben – dem Hut hatte es unten sehr gut gefallen. Der Führer kletterte noch einmal herunter, um ihn zu überreden, doch auch mitzukommen. Dann kam er auch und sah ebenso abgetakelt aus wie der Mann.

Aber abgesehen davon, war Frankreich von innen sehr schön. Zwanzig und dreißig Meter hatte man auf dem Bauch kriechen müssen, mit einer Kerze in den Händen, die die Höhle erleuchtete und die Knie mit tropfendem Talg bekleckerte – der Stein glitschte, aufrichten gab es nicht – was mochten das für Feen sein, die hier wohnten? Einmal hielt der Alte die Kerze hoch – es piepte leise und schwirrte kühl am Ohr vorbei – da wohnten die Fledermäuse. Nein, sie verfingen sich gar nicht im Haar. Sie hingen da zu Hunderten und sahen aus wie geflügelte Muscheln. Sie klappten unhörbar mit den Flügeln – eine hauchartige Bewegung ging durch den schwarzen Ballen. Wir rutschten und kletterten. Wenn ich nachdenke, wen ich gern zwischen den beiden dicken Steinen am Ausgang stecken sähe – ich wüßte keinen. Und wie sah ich aus! Und die guten Sonntagssachen! (»Erlauben Sie mal: Hatten Sie denn keinen Wanderanzug an?« Nein. »Warum nicht?!« Ja, der war im Koffer. »Na, und der Koffer?« Der stand in Toulon, auf der Bahn. »Na, nehmen Sie es mir nicht übel ... « – »Ruhe mal! Er soll weiter erzählen!«)

Ja, und dann kletterten wir durch das ›Höllental‹. Das klang nur so gefährlich und war nicht schwer zu beklettern. Der enge Fußsteig öffnete sich an einer Stelle, die Dornen und das Buschwerk traten zurück – und da lag – ein Steinbruch? – Nein, der Pirchansche Entwurf zu einer großen modernen Oper.

Riesige, schiefe, viereckige Löcher in den weißen Stein geschnitten, zwanzig und dreißig Meter hoch, weite Hallen freilassend. – Sie besinnen sich auf das persische Märchen ... »Und der Königssohn ging durch das wüste Gebirge – da öffnete sich plötzlich vor ihm eine glänzende Halle ... « So sah das aus. Also hier wohnten die Feen! Wir gingen in den Steinbruch, und da ereignete sich etwas unendlich Rührendes. Der Alte wurde plötzlich ganz lebendig und zeigte auf die hohe Decke. Da oben – da hatte er gearbeitet, vor fünfundzwanzig Jahren. Er zeigte, wo er gesprengt hatte, er erklärte, wie man Stein schneidet – mit einer Säge – und diese Galerie, nein, die hatte er nicht in der Mache gehabt ... aber diese da – diese – das war seine. Es klang nicht sehr auswendig gelernt – es war wie eine Erinnerung an die Zeit, als er noch kräftig war. Und jung.

Unten wurde gearbeitet. Einer der Arbeiter sah mißtrauisch auf. Sie sprachen miteinander. »Ich habe ihm auf provenzalisch gesagt«, sagte mir der Führer, »dass ich hier schon gearbeitet hätte, als er noch in den Windeln lag.« Aber ich sah in die Augen des Steinarbeiters. Da stand: Jetzt schneide ich ebenfalls hier Steine – und nicht mehr du. Und nicht mehr du.

Und ich nahm Abschied und ging nach Arles zurück, nach Arles, wo die alte Architektur noch so lebendig ist, weil sie in ihrem Licht steht – nirgends als im Süden verspürt man so stark den Unfug, der darin steckt, Architekturen zu verpflanzen. Berliner Weiße läßt sich nicht nach Madeira, und der Stil einer romanischen massigen Kirche nicht nach dem Norden exportieren. Es hält sich beides nicht. Nach Arles ging ich zurück, wo noch die alte römische Arena steht, dieser gallische Kintopp, und wo mir ein freundlicher Arlesier einen ganzen Haufen Broschüren in die Hand drückte, in denen von den modernen Festlichkeiten geschrieben stand, die man hier in den ganzen Theaterstätten abgehalten hatte. Und wollüstig durchblätterte ich sie, wendete genießend Seite für Seite um und freute mich, dass ich sie nicht hatte mitzumachen brauchen.

Jetzt ist Arles ganz still. Kaum, dass einmal zwei Amerikanerinnen mit stumpfsinnigem Interesse den Erklärungen lauschen, die man ihnen angedeihen läßt. Ich sehe mir alles an: die Daudetsche Mühle, die die ›Lettres de mon moulin‹ hervorgerufen hat – geschrieben, selbstverständlich, in Paris; Kalabreser und Mantel Frédéric Mistrals, des großen provenzalischen Dichters – wie haben sie ihn geliebt! – und ich nehme einen provenzalischen Sinnspruch mit, der mir so gut gefallen hat:

Regardas bèn

e touquès rèn!

Wenn mich mein Latein nicht täuscht:

Ansehen: Ja. Anfassen: Nein!

Morgen will ich die Päpste besuchen, in dem Rom für die kleinen Leute: in Avignon.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 12.12.1924.





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