›Drei alte Schachteln‹


Es hat den Schlachtenlärm überdauert. Noch immer ziehen die Geigen pflaumig dahin, und der Liebeskummer wird im ersten Akt gepflanzt und trägt im letzten gar herrliche Früchte; es schneit, es walzert, es klingelt – aber eigentlich glaubt niemand so recht daran. Die Autoren nicht: die wollen publikums-kühl und tantiemen-heiß Geld verdienen; die Darsteller nur, soweit sie Tenöre sind: dann schreien sie allerdings schrecklich und bilden sich zeitweise ein, es sei schließlich – alles in allem, sei dem, wie ihm wolle – hohe Kunst, die ihrem Munde entströmt; und das Publikum schon gar nicht. Es nimmt die tragischen Konflikte des deutschen Schwankes mit Musik hin und freut sich, wenn es spaßig zu werden verspricht – so, wie man ja auch nach Zucker anstehen muß, bevor man ihn bekommt.

Ja, es war sehr schön. Ich sah mein Geld ordentlich ab, mit meinem Theaterglas: ich sah bei dem schwarzen Liebhaber das Zäpfchen hinten im Gaumen beim hohen G zittern, welch eine Mundhöhle! welch ein gutturaler Ton! – und ich sah die Waldoffn. Und da mußte ich das Glas absetzen.

Noch immer, noch immer. Neben all den schönen Tönen, unmittelbar aus dem Wasser der Panke hervorgegurgelt, zwei kleine Höhepunkte: einmal weich und dick hingelehnt auf ein Sofa, eine berliner Récamier; und einmal mit der Petroleumlampe vor dem Spiegel, mits neue Kleid ... »Wenn ick mir so in den Trimoh bekiecke – ick weeß nich recht: ick seh so komisch aus ... . « Spielen kann sie gar nicht; die Komik ihres Körpers ist nicht da, sie tut nur so – aber ihre Stimme hallt noch wie einst über die Gefilde. Sie brauchte gar nicht so zu brüllen – viel komischer ist sie, wenn sie im piano verzittert. Und obgleich sie nur schnoddrig ist, so ist sie dies als Spezalistin vollkommen. Ich möchte nicht der Engel sein, der dieses arme Seelchen einst am Auferstehungstag aus dem Grab holt. Es möchte mich nicht sehr fein begrüßen ...

Bei uns in Berlin ist die Struktur dieser Dinge nur immer so überdeutlich. Das Rätsel und der Zauber ›Theater‹ – sie sind fast dahin. Früher zitterten wir, wenn sich der Vorhang bei der Ouvertüre wehend bewegte. Nur weil wir jünger waren? Aber dann laß mich das Ganze: diesen Kulissenkram und das Drum und Dran und das Drängen in den Gängen vorher und nachher und die Rampe und die Souffleurmuschel – laß es mich noch einmal genießen. Du sollst dasitzen und Deine erstauntesten Kinderaugen machen (die alles so rasch durchschauen) und lachen und bewundern und die Achseln zucken und auch klatschen, jenachdem. Wenn ich zurückkomme, laß mich noch einmal jung werden. Und dann will ich Dir alles zeigen: die Waldoffn und die großen Nummern und die kleinen Chargen und die Parkettgäste und einen uralten Logenschließer mit einer entsetzlich langen Nase und – wenn Du durchaus willst – auch Alfred Holzbock. ›Drei alte Schachteln‹ wird es dann freilich nicht mehr geben, aber sei ohne Angst: das stirbt nicht aus; der unerschöpflichen Phantasie unsrer Herrn Autoren wird dann schon etwas Neues entsprungen sein. Kommst Du –?

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 16.05.1918, Nr. 20, S. 457 .





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