Abend


Jetzt ziehen zwanzig Männer

die Unterhosen aus.

Gute Nacht, Marie – ein Kenner

von Pechstein sitzt zu Haus

 

und schreibt auf lange Bogen

von wegen: ›steht im Raum‹;

sein Bett wird frisch bezogen.

Sie ruft – er hört es kaum.

 

Verleger ruft: »Ich fahre!«

und steigt ins Auto schlicht.

Bezahlte er Honorare,

dann hätte er das nicht.

 

Jetzt sagt Charlotte grade:

»Liebst du mich wegen so?«

Er streichelt ihre Wade

und klopft sie ...

 

Zu Bette geht ein Dichter,

die Nachttischtür macht: schnapp.

Sogar der deutsche Richter

montiert die Würde ab.

 

Und morgen wieder:

Treten

von Armen und Verdrehten –

lohnt sich das Ganze? Nein.

Lieber Gott, hör du mein Beten:

Laß ewig Abend sein!

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 06.01.1925, Nr. 1, S. 29.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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