§ 25. Hobbes' Leben


Thomas Hobbes wurde 1588 geboren zu Malmesbury in der Grafschaft Wilton, wo sein Vater Prediger war. Er verriet frühzeitig lebhaften Geist und bezog daher schon im zarten Jünglingsalter die Universität Oxford, wo damals noch die scholastisch aristotelische Philosophie herrschte. Mehr als die Schule trug daher zur Entwickelung seiner Geistesrichtung eine Reise durch Frankreich und Italien bei, wo er durch die Bekanntschaft und den Umgang mit den Gelehrten dieser Länder zu eigenem Nachdenken und dem Zweifel an der Nützlichkeit und dem Werte der bestehenden Schulweisheit erwachte. Nach der Rückkehr in sein Vaterland warf er daher mit Ekel und Widerwillen die damalige Metaphysik, Logik und Physik weg, weil sie für das Leben unbrauchbar und durch die Erfahrung nicht begründet wären, und las dafür fleißig die griechischen und lateinischen Philosophen, Dichter und Geschichtsschreiber, von denen er den Tukydides selbst ins Englische übersetzte. Obgleich sein Haß gegen die Schulweisheit durch diese Lektüre nur noch stärker wurde, so hatte er doch noch nicht sich selbst eine bestimmte philosophische Methode oder Anschauung angeeignet, sondern huldigte dem Eklektizismus, zu dem ihn ebensowohl eigene Neigung als der freundschaftliche Umgang mit Bacon brachte, der von ihm rühmte, daß keiner mit solcher Leichtigkeit wie er in seine Gedanken eingehe. Auf einer zweiten Reise aber überzeugte er sich durch die Lektüre des Euklides, dessen Studium er erst begann, als er schon über 40 Jahre alt war, von der Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit der mathematischen Methode und ihrer Anwendung auf die Philosophie. Eine dritte Reise durch Italien und Frankreich wurde für ihn durch seine Bekanntschaft mit Galilei, Peter Gassendi und Mersenne und das Interesse, das er jetzt an der Physik nahm, von noch größerer Wichtigkeit. Nach der Rückkehr in sein Vaterland im Jahre 1637 veranlaßten ihn jedoch die dortigen Volksbewegungen, sich zunächst hauptsächlich auf die Politik zu legen, in der Absicht, aus der Philosophie her ein Heilmittel gegen die demokratischen Tendenzen in seinem Vaterlande zu holen. Dem Elend eines Bürgerkrieges zu entgehen, verließ er sein Vaterland und begab sich wieder nach Paris, wo er in vertrauter Freundschaft besonders mit Gassendi lebte und auch mit Descartes durch die Vermittelung Mersennes bekannt wurde. Hier gab er aus Teilnahme an dem Schicksal seines Vaterlandes, um die Rechte des Königs und die Notwendigkeit einer unumschränkten obersten Gewalt zur Erhaltung des Friedens zu erweisen, von neuem, mit Noten vermehrt, sein Buch »De Cive« heraus, das schon 1642, aber nur in wenigen Exemplaren, zu Paris erschienen war.

Die politischen Grundsätze, die Hobbes in dieser Schrift aussprach, bildeten daher auch den schneidendsten Gegensatz zu den demokratischen und revolutionären Prinzipien, die zu seiner Zeit in seinem Vaterlande hausten. Während dort die Demokratie das monarchische Moment aus dem Staate ausschied, alles nur in das Volk konzentrierend, macht er dagegen jenes Moment zum einzigen, ausschließlichen Prinzip des Staates, faßt es sogar als den Staat selbst auf und bildet so aus seinem Staate einen Kopf ohne Körper.49)

Von Paris begab sich Hobbes wieder in sein Vaterland zurück, wo er sich jedoch keiner politischen Partei anschloß, sondern nur in der Verbindung mit Gelehrten wie Harvey, Selden, Cowley lebte und sich mit der Ausarbeitung seiner Philosophie beschäftigte.

Hobbes machte sich durch seine Schriften, besonders seine Schrift »De Cive« und seinen »Leviathan«, die sogar noch nach seinem Tode von der Universität Oxford zum Feuer verdammt wurden, eine Menge nicht nur wissenschaftliche, sondern auch persönliche Feinde. »Es streiten mit mir«, schreibt er selbst an Samuel Sorbiere, »die Mathematiker« — er hatte sie durch seine Kritik der Mathematik gegen sich aufgebracht , »es streiten mit mir viele Politiker und der Klerus über das Recht des Königs. Ein Teil des Klerus zwang mich, aus England nach Frankreich zu flüchten, und ein anderer Teil des Klerus zwang mich wieder, aus Frankreich nach England zu flüchten.« Aber auch hier ließ ihm die Geistlichkeit keine Ruhe, indem sie ihn der Ketzerei und selbst des Atheismus beschuldigte. Seine letzten Schriften waren eine Übersetzung des Homers, ein Dialog über den Bürgerkrieg in England, der übrigens ohne sein Wissen veröffentlicht wurde, ein physiologisches Dekameron oder zehn Bücher von der Naturphilosophie, endlich eine Streitschrift über die Notwendigkeit und Freiheit der menschlichen Handlungen.

Hobbes hatte das Glück, bis an sein Lebensende die Kraft seines Geistes und seiner Sinne ungeschwächt zu behalten. Sein Tod erfolgte 1679 im 91. Jahre seines Lebens, das er im Zölibate zugebracht hatte, den er für den dem Studium der Philosophie angemessensten Stand hielt, ob er gleich in seinen jüngern Jahren nichts weniger als ein Weiberfeind war.

Hobbes las nur sehr gute und eben darum sehr wenige Bücher. Ja, er pflegte oft zu sagen, wenn er soviel über den Büchern gelegen wäre als andere Gelehrte, so wäre er ebenso unwissend wie sie geblieben.

Seine für die Geschichte der Philosophie wichtigsten Schriften sind »Elementorum philosophiae Sectio prima de Corpore«, »De Homine sive Elementorum Philosophiae Sectio secunda«, »Elementorum Phil. Sectio tertia de Cive«, »De Libertate et necessitate«, »Leviathan sive de Materia, Forma et Potestate Civitatis Ecclesiasticae et Civilis«, »Opera philosophica, guae latine scripsit, omnia«, Amstelodami 1668. Die Hauptquelle für sein Leben ist »Thomae Hobbes Angli Malmesburiensis philosophi Vita«, Carolopoli 1681, dessen Verfasser John Aubrey, Hobbes' Freund, ist.

 

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49) Villemain äußert sich in seiner »Histoire de Cromwell«, 2. vol., über Hobbes sowohl in politischer als religiöser Hinsicht also: »... c'etoit dans le spectacle de la révolution anglaise, qu'il avait surtout puisé l'amourdu despotisme, le mépris de la religion, profanée par tant de folies, et ce culte honteux de la fatalité et de la force, auquel il a reduit toutes les croyances et tous les droits. Embrassant le pouvoir absolu par haine pour les fureurs populaires, se réfugiant dans l'athéisme pour échapper aux absurdités des sectes, ce philosophe incrédule avait étél'un des hommes les plus dévoués à l'autorité royale et l'un des plus ardents ennemis de toute réforme politique etc.«


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