§ 100. Kritische Schlußbemerkungen von 1847

 

Was ist denn, bei Lichte besehen, das, was Spinoza logisch oder metaphysisch Substanz, theologisch Gott nennt? Nichts andres als die Natur. Dies beweisen nicht nur indirekt die Bestimmungen, welche Spinoza von der Substanz gibt, wie z.B., daß sie nicht um eines Zwecklos willen handle, nicht mit Vorbedacht und Absicht, sondern mit Notwendigkeit wirke — Bestimmungen, die nur in der Anwendung auf die Natur Sinn haben , sondern auch ausdrücklich und direkt seine Worte. Gott und Natur sind ihm gleichbedeutend.175) »Die Macht«, sagt er z.B. (»Eth.«, P. IV, Pr. 4, Dem.), »wodurch die einzelnen Dinge und folglich der Mensch sein Sein erhält, ist selbst die Macht Gottes oder der Natur. Die Macht des Menschen ist daher ein Teil der unendlichen Macht Gottes oder der Natur.« Seine Gegner warfen ihm daher schon bei Lebzeiten vor, daß er Gott mit der Natur konfundiere. Sie hatten recht; aber eben so recht hatte Spinoza, wenn er seinen Gegnern, den christlichen Philosophen und Theologen, vorwarf, daß sie Gott mit dem Menschen konfundierten.

Die historische Bedeutung und Würde Spinozas liegt eben gerade hierin, daß er im Gegensatz zur christlichen Religion und Philosophie die Natur vergötterte, die Natur zum Gott und Ursprung des Menschen machte, während jene das menschliche Wesen zum Gott und Ursprung der Natur machen. Der »Tractatus Theolog.politicus« ist deswegen eine der wichtigsten Schriften Spinozas, weil er diesen Gegensatz aufs schärfste hervorhebt. Der praktische Zweck dieser Schrift ist, die Notwendigkeit und Heilsamkeit vollkommner religiöser und philosophischer Gedankenfreiheit zu beweisen, den Despotismus des Geistes zu bekämpfen, denn dort sagt er, wird am gewalttätigsten regiert, wo nicht jeder die Freiheit hat, zu sagen und lehren, was er denkt (cap. 20), wo selbst die Meinungen, zu denen jeder ein unveräußerliches Recht hat, für Verbrechen gelten (cap. 18). Seine Gründe für diese Freiheit sind aber kürzlich folgende: Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nirgends mehr als in ihren Meinungen, namentlich religiösen, so daß, was den einen zur Ehrfurcht, den andern zum Lachen stimmt; es ist daher dem Urteil eines jeden zu überlassen, was er glauben will, wofern ihn nur sein Glauben zu guten Werken bewegt, denn der Staat hat sich nicht um die Meinungen, die sich ja so seiner Macht entziehen, sondern nur um die Handlungen der Menschen zu bekümmern. Der Glaube, die Religion, die Theologie hat überhaupt keine theoretische Bedeutung, Wahrheit und Gültigkeit, ihr Wert und Beruf ist einzig ein praktischer, ist allein, die Menschen, die nicht durch Vernunft bestimmt werden, zum Gehorsam, zur Tugend und Glückseligkeit zu bringen; Torheit darum, tiefe Geheimnisse und Erkenntnisse geistiger und natürlicher Dinge in der Religion zu suchen. (cap. 2) Wahrheit ist nicht die Sache der Theologie, sondern der Philosophie. Philosophie und Theologie haben daher gar nichts miteinander gemein. Philosophiae enim scopus nihil est praeter veritatem, fidei autem nihil praeter obedientiam et pietatem. (cap. 14)

Was ist denn nun aber der Grund dieser Differenz zwischen Religion oder Theologie und Philosophie? Dieser: Der Gegenstand oder Gott, wie er Gegenstand der Religion, ist ein menschliches, der Gegenstand aber oder Gott, wie er Gegenstand der Philosophie, ein nicht menschliches Wesen. Oder: Die Religion hat zu ihrem Gegenstande nur die moralischen, die Philosophie aber die physischen Eigenschaften Gottes, jene denkt Gott nur in Beziehung auf den Menschen, diese aber in Beziehung auf sich selbst oder an und für sich selbst. »Die heilige Schrift«, sagt Spinoza, »gibt keine eigentliche Definition von Gott, sie offenbart nicht die absoluten Prädikate seines Wesens, sondern nur die Attribute der göttlichen Gerechtigkeit und Liebe — ein deutlicher Beweis, daß die intellektuelle oder philosophische Erkenntnis Gottes, welche seine Natur betrachtet, wie sie in sich ist und welche die Menschen nicht in einer bestimmten Lebensweise nachahmen, nicht zum Muster ihres Lebenswandels nehmen können, schlechterdings keine Sache des Glaubens und der geoffenbarten Religion ist.« (cap. 13) »Ich wenigstens«, sagt er von sich (»Epist.« 34), »habe aus der heiligen Schrift keine ewigen Attribute Gottes gelernt noch lernen können.« Die Religion stellt Gott dar, sagt er dem Sinne nach, im Einklang mit dem sinnlichen Vorstellungsvermögen, der Einbildungskraft des Menschen, sie »stellt ihn vor als Lenker, als Gesetzgeber, als König, als gerecht, als barmherzig usw., aber alle diese Attribute sind Attribute der menschlichen Natur, die man von der göttlichen Natur fernhalten muß«. (»Tract. Theol.pol.«, cap. 4) »Die Theologie stellt Gott als den vollkommnen Menschen vor, sie schreibt daher Gott Verlangen, Abscheu an den Werken der Gottlosen, Freude und Wohlgefallen an den Werken der Frommen zu; aber in der Philosophie, wo nur klare Begriffe gelten, können solche Attribute, welche Gott zu einem vollkommnen Menschen machen, sowenig ihm zugeschrieben werden als die Eigenschaften, welche einen vollkommnen Elefanten oder Esel machen, dem Menschen beigelegt werden können.« (»Epist.« 36) Aber was ist denn nun dieser philosophische Gott, dieser Gott ohne menschliche Attribute, ohne Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, ohne Auge und Ohr, dieser Gott, der ohne Rücksicht auf den Menschen wirkt, wirkt nur nach Gesetzen, welche sich nicht nach dem Wohle des Menschen, das die Religion allein im Auge hat (»Religioni humanurm tantum utile intendenti«)176), sondern nach dem Ganzen der Natur richten (»Tract. Theol.pol.«, cap. 16), wirkt nur nach der Notwendigkeit seines Wesens? Er ist, wie gesagt, nichts andres als die Natur. Spinoza spricht dies selbst deutlich genug aus, wenn er sagt: »Gewöhnlich stellt man sich die Macht Gottes und die Macht der natürlichen Dinge als zwei der Zahl nach voneinander unterschiedene Mächte vor; allein, die Kraft und Macht der Natur ist die Kraft und Macht Gottes selbst, aber das Wirkungsvermögen, die Macht eines Dings ist sein Wesen selbst, also das Wesen der Natur das Wesen Gottes selbst. Wenn daher Gott, wie die Theologie beim Wunder annimmt, wider die Gesetze der Natur handele, so würde er wider sein eignes Wesen handeln.« (Ebd., cap. 6) »Wir kennen daher die Macht Gottes nur soweit, als wir die natürlichen Ursachen kennen, nichts ist darum törichter, als zur Macht Gottes seine Zuflucht zu nehmen, wenn man die natürliche Ursache von etwas, d.h. eben die Macht Gottes, nicht kennt.« (cap 1) »Je mehr wir die natürlichen Dinge erkennen, desto vollkommner erkennen wir Gottes Wesen, welches die Ursache aller Dinge ist.« (cap. 4)

Die Natur ist also das Prinzip, der Gott, das Wesen, die Vernunft Spinozas. Was wider die Natur, sagt er selbst, ist wider die Vernunft: »Quicquid enim contra naturam est, id contra rationem est.« (Ebd., cap. 6) Aber die Natur ist dem Spinoza nicht Gegenstand als sinnliches, sondern als unsinnliches, abstraktes, metaphysisches Wesen, so daß das Wesen der Natur bei ihm gar nichts andres ausdrückt als das Wesen des Verstandes, und zwar des Verstandes, der allein im Widerspruch oder Gegensatz gegen das Gefühl, den Sinn, die Anschauung erfaßt ist. Halten wir uns nur z.B. an die körperliche Substanz. Sie ist eine göttliche Wesenheit. Aber wie ist die Ausdehnung, das Wesen des Körpers, ein göttliches Attribut — abgesondert von allen den Bestimmungen, die sie in der sinnlichen Vorstellung und Anschauung hat, selbst von der Bestimmung der Teilbarkeit und Vielfachheit?177) Aber ist denn diese abstrakte Ausdehnung noch ein Ausdruck, ein Bild, eine Bejahung der körperlichen und nicht vielmehr nur der denkenden Natur, des Verstandes? Das Wasser als Wasser, sagt Spinoza, ist teilbar und trennbar, erzeugbar und zerstörbar, aber nicht das Wasser als körperliche Natur. Aber was ist denn das auf die dürre, trockene Bestimmung der bloßen Ausdehnung oder Körperlichkeit reduzierte Wasser? Ein bloßes Vernunftding, in dem der Verstand nur sich geltend macht, sein Wesen als das Wesen der Dinge ausspricht. Im Begriffe der körperlichen Substanz oder Ausdehnung hat freilich das Wasser ewige Existenz, aber nur weil es keine Existenz mehr hat. Dem Wasser wird die höchste Ehre angetan, indem es in den Schoß der göttlichen Substanz aufgenommen wird, aber diese höchste Ehre ist auch die letzte Ehre — die Ehre, die dem Toten erwiesen wird. De mortuis nil nisi bene. Aber was habe ich davon, wenn du mich bei Lebzeiten einen »stinkenden Madensack« schmähst, um dann post festum als einen Gott mich zu preisen? Glaube mir, herrlicher Spinoza, nur das Wasser, das eine verderbliche Existenz hat, hat auch eine wirkliche und notwendige Existenz. Oder glaubst du nicht, daß das Wasser, welches meine Augen und Ohren ergötzt, meine Glieder stärkt, meinen brennenden Durst mir löscht, das sinnliche Wasser, ein an Attributen unendlich reicheres und folglich deiner eignen Philosophie zufolge göttlicheres Wesen ist als das un- und übersinnliche Wasser, das ein aller seiner individuellen Eigenschaften beraubtes Denkwesen ist? Oder glaubst du, daß ich meinen Verstand in den Fluten der Sinnlichkeit ersäufe, weil ich mich jusqu'à la tête in sie hineinstürze? Bewahre! Mir ist der Verstand so heilig wie dir, aber ich will, daß mein Verstand mit Bewußtsein sei, was er in Wahrheit ist: die Bejahung, aber nicht die Verneinung der Sinnlichkeit; ich will denken178) wie du, ich will mein Hirn nicht am Feuer der Sinnlichkeit verbrennen, aber ich will nicht in meinem Kopfe verneinen, als ein Non-Ens, ein Nichtsein, setzen, was ich mit allen meinen Sinnen und Gliedern als ein Wesen, und zwar wahres, wirkliches, göttliches Wesen, bejahe. Ich will als wahr erkennen, was ich als wirklich fühle, aber ich will auch als ein wirkliches und folglich sinnliches Wesen fühlen, was ich als wahres Wesen erkenne. Ich will nicht Bürger zweier Welten, einer Intellektual- und einer Sinnenwelt sein, ich will nur einer und derselben Welt angehören, ich will mit meiner Seele da sein und bleiben, wo ich mit meinem Leibe bin; ich will auf demselben Standpunkt denken und wollen, auf dem ich mit meinen Beinen stehe, aus denselben Wesen und Stoffen, aus denen ich meine leibliche Nahrung hole, auch mein nutrimentum spiritus schöpfen. Ich will das erquickliche Wasser der Natur und Sinnlichkeit allerdings nicht auch in meinem Kopfe trinken, genießen suum cuique , ich überlasse dieses Geschäft andern Gliedern meines Leibes, aber ich will das Wasser, das meine Sinne erquickt, doch auch im Kopf noch als Wasser erkennen und halte nur dieses, wenngleich destillierte, doch immer noch als Wasser erkennbare und gegen seine Auflösung in das Nichts der göttlichen Substanz oder, was eins ist, des göttlichen Verstandes reagierende Wasser für das Wesen des Wassers.

 


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