§ 97. Die wahre Methode der Erkenntnis


Die wahre Methode der Erkenntnis beruht daher allein auf der Idee Gottes. Die wahre Methode sucht nicht nach der Erhaltung der Ideen ein Kennzeichen der Wahrheit; denn die Methode ist nichts als die reflexive Erkenntnis oder die Idee der Idee, und sie setzt daher als die Idee der Idee schon das Dasein der Idee voraus. Die wahre Methode ist daher die Anweisung, wie der Geist nach der Norm der gegebenen wahren Idee geleitet werden muß.

Da zwischen zwei Ideen dasselbe Verhältnis stattfindet wie zwischen den formalen (wirklichen) Wesen oder Objekten dieser Ideen, so ist notwendig auch die reflexive Erkenntnis der Idee des vollkommensten Wesens vortrefflicher als die reflexive Erkenntnis der übrigen Ideen und die vollkommenste Methode die, welche zeigt, wie nach der Norm der Idee des vollkommensten Wesens der Geist sich zu verhalten hat. Da die Idee durchaus mit ihrem formalen Wesen (ihrem Objekte) übereinstimmt, so stellt der Geist, wenn er diese Methode befolgt, das Abbild der ganzen Natur in sich dar, indem er dann alle seine Ideen aus der Idee des Wesens, welches der Ursprung und die Quelle der ganzen Natur in sich enthält, ableitet, so daß diese Idee die Quelle und der Ursprung aller übrigen Ideen ist. Der Geist hat so objective, als Idee, in sich, was sein Gegenstand formaliter oder wirklich in sich hat. Die Norm der Wahrheit und Erkenntnis ist also die Idee Gottes als des Wesens, das einzig, das unendlich, das alles Sein ist, außer dem es kein Sein gibt. (»De Intell. Emend.«, p. 426, 428, 452, 443, ed. Paul.)

Aber woher die Gewißheit, daß die wahre Idee, die die Norm für die übrigen Ideen sein soll, die wahre ist? Die Gewißheit ist nichts als das objektive Wesen (d. i. die Idee) selbst, d. i. die Art und Weise, wie das formale (das eigentliche wirkliche) Wesen Objekt unsers Geistes ist. Zur Gewißheit der Wahrheit wird daher kein andres Kennzeichen erfordert als die wahre Idee selbst. (Ebd., S. 425) Wer die wahre Idee hat, der weiß zugleich, daß er die wahre Idee hat, und kann an ihrer Wahrheit nicht zweifeln oder ist ihrer als der Wahrheit gewiß; denn die Gewißheit ist nicht bloß ein Nichtzweifeln, sondern etwas Positives. (»Eth.«, P. II, Pr. 43, 49, Sch.) Jeder, der eine wahre Idee hat, weiß ja, daß die wahre Idee die höchste Gewißheit enthält; denn eine wahre Idee haben, heißt eben nichts andres, als von einer Sache die vollkommenste und beste Erkenntnis haben. Was gäbe es denn auch noch Klareres und Gewisseres als die wahre Idee, so daß es die Norm der Wahrheit sein könnte? Wahrlich, wie das Licht sich selbst und die Finsternis offenbart, so gibt die Wahrheit sich selbst und ihr Gegenteil zu erkennen. Überdem bedenke man, daß der menschliche Geist, insofern er die Dinge wahrhaft betrachtet, ein Teil der unendlichen Vernunft Gottes ist. (Pr. 43, Sch.)


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