88. Kritik der Spinozischen Lehre von den Attributen


Spinoza bestimmt die Substanz als das aus unendlichen, d. i. nicht nur dem Wesen, sondern auch der Zahl nach unendlichen oder unendlich vielen Attributen bestehende Wesen. Je mehr Realität oder Sein ein Wesen hat, desto mehrere Attribute kommen ihm zu. »Quo plus realitatis aut esse unaquaeque res habet, eo plura attributa ipsi competunt.« (»Eth.«, P. I, Prop. 9, et »Epist.« 27) Spinoza nennt aber nur zwei Attribute, nämlich Denken und Ausdehnung, die der endliche Verstand als die das Wesen Gottes konstituierenden Momente begreift, andere oder mehrere nennt er nicht. »Denn der menschliche Geist erkennt«, wie Spinoza sagt, nichts weiter als das, was die Idee eines wirklich existierenden Körpers einschließt oder was aus ihr folgt, aber diese Idee des Körpers drückt keine andern Attribute Gottes aus als Denken und Ausdehnung. Der menschliche Geist oder die Idee des menschlichen Körpers, denn diese ist der Geist selbst, enthält daher keine andern als diese zwei Attribute. Und aus diesen Attributen oder ihren Affektionen kann kein andres Attribut Gottes erschlossen oder erkannt werden« (»Epist.« 66 u. 60); denn jedes Attribut Gottes muß durch sich selbst begriffen und gedacht werden. (»Eth.«, P. I, Prop. 10) Spinoza statuiert hier also eine Unbegreiflichkeit. Wie alle derartige Unbegreiflichkeit aber nichts ist als die Folge eines Mangels in dem Prinzip, von dem man ausgeht, der aber nicht erkannt wird und daher einen sehr begreiflichen Ursprung hat, so ist es auch hier der Fall. Die Substanz ist uneingeschränkte Wirklichkeit. Die Ausdehnung ist nur insofern Attribut Gottes, konstituiert nur insofern das Wesen der Substanz, als sie uneingeschränkt, unbestimmt in ihrer Art ist, als sie Sein nicht eine bestimmte Art des Seins und Wesens ausdrückt. Nun ist aber die Ausdehnung nur eine Art des Wesens, als diese ein Bestimmtes und als ein Bestimmtes Schranke, Nichtsein; das Reale in ihr ist also die schlechthin uneingeschränkte, nicht als Ausdehnung bestimmte Substanz. Dasselbe gilt vom Denken. Was bleibt also von den beiden Attributen noch übrig als die ganz abstrakte, die quantitative Bestimmtheit, die Zahl, die Bestimmtheit, daß sie zwei sind? Zwei ist aber selbst eine Beschränktheit, es muß also unendlich, unbestimmt viele Attribute der Substanz geben.

Denken und Ausdehnung sind wohl voneinander unterscheiden, aber sie drücken doch ein und dasselbe Wesen, eine und dieselbe Sache, nämlich die Substanz aus, die gleichgültig dagegen ist, ob sie als Ausdehnung oder Denken gefußt wird, und sind insofern eins mit der Substanz. Inwiefern sie aber beide nur auf eine gewisse Weise die Substanz ausdrücken oder darstellen, sind sie für sie ein Nichtsein, ist ihr Unterschied in Beziehung auf sie daher ein Unreelles. Es bleibt also für sie nichts übrig als die Zahlverschiedenheit, die indifferente Bestimmtheit, daß sie zwei sind. Diese indifferente Grenze geht aber von selbst über und hebt sich auf in indifferente Vielheit, in den Progreß in infinitum. Die beiden Attribute verlieren sich und verschwinden haltungslos (denn ihr Halt wäre nur die Realität ihrer Bestimmtheit; nur die Realität ihrer Differenz machte eine unbestimmte Mehrheit von Attributen unnötig) als zwei in der unendlichen Vielheit der andern unbekannten Attribute, die zwar, jedes auf eine gewisse Weise, die Substanz ausdrücken, aber, da diese gewisse Weise als eine bestimmte eine Unrealität ist, sich auch nicht weiter voneinander unterscheiden, als daß sie viele sind. Hierin liegt offenbar ein Mangel der Spinozischen Philosophie, der daraus hervorgeht, daß die Determinatio in ihr nur als Negatio bestimmt ist.

So gegründet aber auch dieser Vorwurf sein mag, so ungegründet ist, was Tennemann in seiner »Geschichte der Philosophie« dem Spinoza in betreff der Attribute vorwirft. Sein Vorwurf ist nämlich folgender: »Die Ausdehnung und das Denken sind wesentlich verschieden, denn das Denken setzt nicht die Ausdehnung und diese nicht das Denken voraus. Jedes ist ein absolutes Attribut, gleich der Substanz. Er würde nun nach dem fünften Sätze haben annehmen müssen, daß es nur eine ausgedehnte und nur eine denkende Substanz geben müsse, wenn er nicht weiterhin durch einen Scheinbeweis (?) bewiesen hätte, daß es nur eine Substanz überhaupt geben müsse. Darum betrachtet er die Ausdehnung und das Denken als Attribute dieser einen Substanz. Aber eben diese Behauptung beweiset, daß etwas nach gewissen Rücksichten ohne Einsicht angenommen worden, was mit den Grundsätzen nicht in Einklang steht. Denn zwei real verschiedene Attribute, von denen keines die Folge des andern ist, welche von Ewigkeit immer in der Substanz beisammen gewesen, bringen eine ewige und wesentliche Trennung der Substanz hervor, welche mit der Einheit der Substanz geben müsse, wenn er nicht weiterhin durch einen Substanz aus, so hat die Substanz ein doppeltes real verschiedenes Sein, wenn es zwei real verschiedene Attribute der Substanz gibt, welches notwendig auf zwei Substanzen hinführet.« Denken und Ausdehnung sind allerdings realiter unterschieden, d. i., sie werden ein jedes durch sich selbst gedacht und begriffen. Das Denken setzt nicht die Ausdehnung, diese nicht jenes voraus. Beide werden selbständig gefaßt. Aber dadurch und darin, daß ein jedes selbständig gefaßt wird, ist es gerade die Substanz, und zwar die eine und dieselbe Substanz, die in beiden mit sich selbst identisch bleibt; sie drücken gerade in dieser ihrer Selbständigkeit nur ein Wesen und folglich, da das Sein der Substanz nichts andres als ihr Wesen ist, nur ein Sein aus. Eben deswegen, weil nur eine und dieselbe Sache in ihnen ist, jedes in seiner Art die absolut vollkommen Substanz ausdrückt, kann und muß ich jedes für sich fassen. Der Substanz nach ist kein Unterschied zwischen ihnen. Die Substanz ist nur Substanz als uneingeschränkte Wirklichkeit, als nicht determiniertes Wesen; der Unterschied, die Bestimmtheit der beiden Attribute affiziert also nicht die Substanz; ihr Wesen und folglich ihr Sein bleibt unangefochten von den beiden Unterschieden. Sie drücken das Wesen der Substanz zwar auf eine gewisse, unterschiedne und bestimmte Weise aus, aber eben die Bestimmtheit ist Negation; sie setzen daher keinen Unterschied in die Substanz, sie unterbrechen nicht ihre Einheit.

Die Notwendigkeit, daß es nur eine Substanz gibt und geben kann, enthält übrigens schon der Begriff der Substanz als des Wesens, dessen Wesen Existenz enthält. Die Beweise, die Spinoza davon gibt, stützen sich auf diesen Begriff, der durch sich selbst notwendig ist, aber nicht stützt sich dieser Begriff auf die Beweise.

Spinoza erklärt sich selbst im Scholion zum zehnten Lehrsatz über die Attribute folgendermaßen: »Apparet, quod quamvis duo attributa realiter distincta concipiantur, h. e. unum sine ope alterius, non possumus tamen inde concludere, ipsa duo entia sive duas diversas substantias constituere, id enim est de natura substantiae, ut unumquodque ejus attributorum per se concipiatur, quandoquidem omnia, quae habet, attributa simul in ipsa semper fuerunt, nec unum ab alio produci potuit, sed unumquodque realitatem sive esse substantiae exprimit.« Übrigens ist auch nicht zu leugnen, daß der Begriff der beiden Attribute und ihre Beziehung zur Substanz einer der allerschwierigsten Punkte in der Spinozischen Philosophie ist, dessen Schwierigkeit Spinoza noch dadurch erhöhte, daß er im Anfang seiner Ethik zuerst im allgemeinen den Begriff der Substanz erörtert und daher von Substanzen spricht, ehe er auf die wahrhafte, einzige Substanz kommt, in der allein der Begriff der Substanz seine Wirklichkeit hat.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 07.09.2005 
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