§ 95. Von der Freiheit und Tugend des Geistes oder der Erkenntnis


Das Wesen (die Freiheit des Geistes) besteht allein in der Erkenntnis. (»Eth.«, P. V, Pr. 36, Sch.) Wir sind nur insofern (frei oder) tätig, als wir erkennen; denn nur die Erkenntnis folgt mit Notwendigkeit aus dem Wesen unsers Geistes allein, sie kann nur aus den Gesetzen der Natur des Geistes allein abgeleitet und erkannt werden. (P. IV, Pr. 23 u. 24) Wir sind aber nur dann tätig, wenn wir die adäquate oder vollständige Ursache von einer Wirkung sind, d. i., wenn etwas so aus unsrer Natur folgt, daß es durch sie allein klar und deutlich erkannt werden kann. Wir leiden dagegen, wenn etwas aus unserm Wesen folgt, wovon wir nur die teilweise Ursache sind.169) (P. III, Def. 2)

Der Geist leidet, inwiefern er unadäquate Ideen (d. i. solche, von denen er nicht allein die vollständige Ursache ist), unvollständige oder verstümmelte und verworrene Ideen (mutilatae et confusae) (d. i. sinnliche Vorstellungen, zu denen er von außen her bestimmt wird) in sich hat, inwiefern er aber adäquate (klare und deutliche) Ideen hat, d. i. vollständige, solche, von denen er allein die Ursache ist, ist er tätig. (P. III, Pr. 1) Die Leidenschaften beziehen sich daher insofern nur auf den Geist, als er etwas in sich hat, was Negation einschließt, oder als er als ein Teil der Natur betrachtet wird, welcher für sich ohne andere nicht klar und deutlich gedacht werden kann. (Ebd., Pr. 3, Sch., u. P. IV, Pr. 2)

Die Form oder das Wesen des wahren Gedankens oder der adäquaten Idee besteht allein im Denken selbst; sie hängt allein von der Macht oder dem Vermögen des Denkens selbst ab, d.h., sie ist nur aus der Natur der Intelligenz abzuleiten. Die erdichteten, die falschen (d. i. die konfusen, unadäquaten) Ideen kommen von der Imagination, d.h. von gewissen zufälligen und zerstreuten Vorstellungen oder Empfindungen, die nicht von dem Wesen des Geistes abhängen, sondern von äußern Dingen, inwiefern sie in dem Leibe, sei es im Schlaf oder im Wachen, verschiedene Bewegungen erzeugen. Der Grund des Leidens der Seele ist daher die Imagination. Unsere unadäquaten Ideen kommen darum daher, daß wir Teile eines denkenden Wesens sind, von dem gewisse Gedanken ganz und vollständig, gewisse nur zum Teil das Wesen unsers Geistes ausmachen. (»De Intell. Emend.«, p. 440, 441, 446, ed. Paulus)

Tugend ist nichts anders als Vermögen oder Kraft, d.h., die Tugend, inwiefern sie auf den Menschen bezogen wird, ist das wirkliche Wesen des Menschen selbst, insofern es die Kraft oder das Vermögen hat, etwas zu tun, welches bloß aus den Gesetzen seines Wesens folgt. Nichts steht aber im Vermögen des Geistes als die Erkenntnis, seine Tätigkeitskraft hat er allein in seiner Intelligenz. Der Mensch, der durch unadäquate Ideen zum Handeln bestimmt wird, handelt daher auch nicht aus Tugend oder der Tugend gemäß, sondern nur der, der durch Erkenntnis zum Handeln bestimmt wird. (»Eth.«, P. IV, Def. 8; P. V, Praef.; P. IV, Pr. 23)

Der ewige Teil des Geistes ist daher auch die Erkenntnis oder die Vernunft, durch die wir allein tätig sind, der vergängliche Teil die sinnliche Vorstellung oder die Erinnerung, durch die wir leiden. (»Eth.«, P. V, Pr. 34, Schol.) Inwiefern unser Geist erkennt, ist er eine ewige Denkweise, die von einer andern ewigen Denkweise bestimmt wird, diese wieder von einer andern und so fort bis ins Unendliche, so daß alle zusammen und zugleich die ewige Vernunft Gottes ausmachen. (Pr. 40, Cor. u. Sch.)

Nur von dem, was unsrer Intelligenz nützt oder schadet, wissen wir mit Gewißheit, daß es ein Gut oder Übel ist. (P. IV, Pr. 27)

 

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169) Was Spinoza über die Leidenschaft, die Begierde, den Trieb, namentlich aber über die Vernunft und Erkenntnis sagt, gehört unstreitig zu dem Tiefsten und Erhabensten, dem Geist- und Gedankenreichsten, was nur je hierüber noch gesagt wurde. — Überhaupt findet man bei ihm, besonders in seiner »Ethik«, sowohl über Gegenstände der philosophischen als empirischen Psychologie die fruchtbarsten, trefflichsten Gedanken. Was kann man z.B. Trefflicheres über die Freude sagen? »Quo majori Laetitia afficimur, eo ad majorem perfectionem transimus, hoc est, eo nos magis de natura divina participare necesse est. Rebus itaque uti et iis, quantum fieri potest, delectari (non quidem ad nauseam usque nam hoc delectari non est) viri est sapientis... Nihil profecto nisi torva et tristis superstitio delectari prohibet.« (»Eth.«, P. IV, Pr. 45, Schol.)


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