§ 96. Die verschiedenen Gattungen der Erkenntnis


Es gibt aber drei Gattungen der Erkenntnis. Zur ersten Gattung gehören alle Vorstellungen und alle allgemeinen Begriffe, die von den Sinnen konfus und ohne Ordnung abgezogen worden sind, kurz, alle Vorstellungen, die aus einer unbestimmten, d. i. durch Verstand nicht geleiteten Erfahrung entspringen. Zur zweiten Gattung gehören alle allgemeinen Begriffe, die wir aus allgemeinen Begriffen und den adäquaten Ideen von den Eigenschaften der Dinge bilden. Diese Erkenntnisweise ist die Vernunft. Außer diesen beiden gibt es aber noch eine dritte Gattung, das intuitive Wissen. Diese Erkenntnisweise schreitet von der adäquaten Idee des Wesens gewisser Attribute Gottes zur adäquaten Erkenntnis der Dinge fort. (»Eth.«, P. II, Pr. 40, Sch.)

Es gehört zum Wesen der Vernunft, die Dinge nicht als zufällig, sondern als notwendig anzuschauen. Es kommt nur von der sinnlichen Vorstellung her, daß wir die Dinge auf die Zeit beziehen und so als zufällig betrachten. Zum Wesen der Vernunft dagegen gehört es, die Dinge unter einer gewissen Art oder Form der Ewigkeit anzuschauen, da es in ihrem Wesen liegt, die Dinge nicht als zufällig, sondern als notwendig anzuschauen. Die Notwendigkeit der Dinge ist aber die Notwendigkeit selbst der ewigen Natur Gottes, es gehört also zum Wesen der Vernunft, die Dinge unter der Form der Ewigkeit zu betrachten. Ohnedem sind ja die Grundlagen der Vernunft Begriffe, die das allen Individuen Gemeinsame ausdrücken, was daher ohne Beziehung auf die Zeit betrachtet werden muß. (Pr. 44, Sch. u. Cor.)

Jede Idee jedes wirklich existierenden einzelnen Dings oder Körpers enthält notwendig das ewige und unendliche Wesen Gottes in sich. Denn alle einzelne Dinge können ohne Gott nicht gedacht werden, sie enthalten also den Begriff des Attributes in sich, dessen Modi sie sind, folglich das ewige und unendliche Wesen Gottes. (Pr. 45) Die Erkenntnis des ewigen und unendlichen Wesens Gottes, welches eine jede Idee einschließt, ist adäquat und vollkommen. (Pr. 46)

Alle Ideen, inwiefern sie auf Gott bezogen werden, sind wahr. (Pr. 32)

Je mehr wir die einzelnen Dinge erkennen, desto mehr erkennen wir Gott. Daher ist die Erkenntnis der einzelnen Dinge, welche eben die intuitive oder die Erkenntnis der dritten Gattung ist, vortrefflicher als die allgemeine Erkenntnis (cognitione universali), die Erkenntnis der zweiten Gattung. (P. V, Pr. 24 u. Pr. 36)170)

Alles aber, was der Geist unter der Form der Ewigkeit (oder als ewig) erkennt, erkennt er nur deswegen so, weil er seinen Körper nicht in seiner gegenwärtigen wirklichen Existenz, sondern in seinem Wesen auffaßt. (Pr. 29)

Die Existenz der Dinge nämlich wird auf eine doppelte Art von uns gedacht. Entweder denken wir ihre Existenz in Beziehung auf Zeit und Ort, oder wir denken sie als in Gott enthalten und als notwendige Folgen der göttlichen Natur. Wird die Realität oder Existenz der Dinge auf diese letztere Weise gedacht, so denken wir sie als ewig, und ihre Ideen enthalten das ewige und unendliche Wesen Gottes. (Pr. 29, Sch.)

Insofern der Geist sich und den Körper unter der Form der Ewigkeit erkennt, insofern hat er notwendig die Erkenntnis Gottes und weiß, daß er in Gott ist und durch Gott gedacht wird. Die Ewigkeit ist das Wesen Gottes selbst, wie es notwendige Existenz enthält. Die Dinge als ewig denken, heißt daher, die Dinge denken, wie sie durch oder in Gottes Wesen als wirkliche reale Wesen gedacht werden oder wie sie durch oder in Gottes Wesen Existenz enthalten, und unser Geist hat daher insofern notwendig eine Erkenntnis Gottes, als er sich und seinen Körper unter der Form der Ewigkeit erfaßt. (Pr. 30 u. Dem.)

 

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170) Als ein Beispiel von so einem einzelnen Ding oder Wesen führt Spinoza hier den menschlichen Geist an, dessen Wesen allein in der Erkenntnis besteht, deren Urquell und Grund aber Gott ist.


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