§ 82. Einleitung und Übergang von
Descartes zu Spinoza 143)

 

»Das Wesen«, sagt Descartes, »welches eine solche Existenz hat, daß es keines andern Wesens bedarf, um zu existieren, nenne ich Substanz. Nur Gott aber ist ein solches Wesen, das durchaus keines andern bedarf. Alle andern Substanzen können nicht ohne den Beistand Gottes existieren. Das Wort Substanz hat daher eine andere Bedeutung, wenn von Gott, eine andere, wenn von den übrigen Wesen die Rede ist. Die körperliche Substanz und der Geist oder die denkende Substanz können beide unter der gemeinschaftlichen Bestimmung begriffen werden, daß sie Gottes Mitwirkung oder Beistand zur Existenz bedürfen. Allein aus der bloßen Existenz kann die Substanz nicht erkannt werden; denn die Existenz bestimmt nicht; leicht wird sie dagegen aus jedem ihrer Attribute erkannt. Jede Substanz hat jedoch nur eine Haupteigenschaft, die ihr Wesen ausmacht und auf die alle andern Eigenschaften oder Attribute zurückgeführt werden. So konstituiert die Ausdehnung das Wesen der körperlichen Substanz, das Denken das Wesen der denkenden, alle übrigen Eigenschaften sind nur Modi, bestimmte Arten und Weisen, des Denkens. Wir haben also zwei klare und deutliche Ideen oder Begriffe, den Begriff der erschaffnen denkenden Substanzen und den Begriff der körperlichen Substanz, vorausgesetzt nämlich, daß wir alle Attribute des Denkens genau von den Attributen der Ausdehnung unterschieden. Ebenso haben wir auch eine klare und deutliche Idee von der unerschaffnen und unabhängigen denkenden Substanz, nämlich von Gott.« (»Princ. Philos.«, P. I, § 51-54 und 63-65)

Wir haben also hier drei Wesen oder Substanzen, zwei endliche Substanzen, d. i. die körperliche und die erschaffene denkende Substanz, und eine unendliche, d. i. die unerschaffne und unabhängige denkende Substanz. Die Materie und der Geist sind nun zwar erschaffen, abhängig von der unerschaffnen Substanz, sie bedürfen Gottes zu ihrer Existenz, sie können ohne ihn nicht sein noch bestehen; aber gleichwohl sind beide selbständig und unabhängig, und zwar nicht nur voneinander, sondern auch von Gott. Zum Begriff der Materie nämlich gehört nichts als die Ausdehnung, diese macht ihr Wesen aus, die Materie ist Materie nur durch ihre Ausdehnung, nicht durch Gott, in ihrem Begriffe liegt nichts als sie selbst, sie druckt nichts aus, sie repräsentiert nichts als sich selbst; ihr Begriff oder Wesen enthält keine Beziehung auf Gott, die eine Bestimmung der Materie wäre denn die Bestimmung, die ihre wesentliche ist, durch die sie das ist, was sie ist, deutet nicht außer sie hinaus auf Gott hin, sondern sie drückt vielmehr nur die Beziehung der Materie auf sich selbst aus, bejaht nur sie selbst; ihr Begriff ist unabhängig vom Begriffe Gottes; ihr Wesen hängt also nicht von Gott, sondern nur von der Ausdehnung ab, in der und durch die sie ist, was sie ist. Die Figur z.B. ist nicht unabhängig. Warum? Weil sie nicht ohne die Ausdehnung gedacht werden kann, weil in ihrem Begriffe diese enthalten ist als ihr Grund, als ihre positive Bestimmung, weil sie sich wesentlich, ihrem Begriffe nach bezieht auf die Ausdehnung. Dasselbe, was von der Materie gilt, gilt vom Geiste. In seinem Begriffe liegt nichts als das Denken, statt daß diese Bestimmung eine Beziehung auf Gott ausdrückte, ist sie vielmehr die Beziehung des Geistes auf sich selbst, das, wodurch er das ist, was er ist; ja, wenn wir hierher noch die ersten geistvollen Bestimmungen des Geistes ziehen dürfen, mit denen Descartes anfängt, die er aber nicht ausführt, nicht konsequent fest behält, sondern verläßt, sie in geistlose Bestimmungen umsetzend, so ist das Denken sowenig eine Beziehung auf etwas andres über den Geist hinaus, daß es vielmehr die von jeder Beziehung auf alles, was als ein vom Geiste Unterschiedenes bestimmt werden kann, unabhängige Beziehung des Geistes auf sich, seine Selbstgewißheit, sein Wesen und sein Sein in einem ist, mit der unbedingten Selbstgewißheit des Geistes zugleich seine unbedingte Selbständigkeit ausdrückt.

Aber auch das Denken nicht in dieser geistvollen, den Geist treffenden Bestimmung, sondern in der geistlosen Bestimmung eines Wesens oder eines Attributs genommen, das ebensogut von dem Geiste als seiner Substanz ausgesagt wird wie die Ausdehnung von der Materie, so liegt in dem Begriffe des Geistes, zu dem nur das Denken gehört, keine Beziehung auf Gott, die ihn von dem Begriffe Gottes abhängig machte. Der unerschaffnen Substanz wird zwar auch das Prädikat des Denkens beigelegt, aber dadurch wird in den Geist keine notwendige Beziehung auf sie und folglich keine Abhängigkeit von ihr gesetzt. Überdem ist bei Descartes dieses Prädikat, als Prädikat der unerschaffnen Substanz, ein ganz leeres, unbestimmtes, nichts aussagendes, aus der theologischen Vorstellung aufgenommenes; denn wenn man nach der positiven Bestimmung dieses Prädikats fragt, muß man auf den Anfang der Cart. Philosophie zurückgehen, wo das Denken lediglich die Bedeutung des Bewußtseins und dieses die Bedeutung der Abstraktion, der Unterscheidung vom Sinnlichen hat, die aber nicht auf die gegensatzlose unendliche Substanz angewandt werden kann.

Die beiden Substanzen also, der Geist und die Materie, sind ihrem Begriffe und ihrem Wesen nach unabhängig, selbständig; nur ihrer Existenz nach sind sie abhängig, unselbständig; sie können nicht sein noch bestehen ohne Gott. Oder: Sie werden unabhängig begriffen144), aber abhängig vorgestellt. Descartes, der Theolog, und Descartes, der Philosoph, sind miteinander im Kampfe; dem bestimmten, sachgemäßen, den beiden Substanzen immanenten Begriffe nach sind beide unabhängig, der äußerlichen, unbestimmten, theologischen Vorstellung aber nach sind sie abhängig. Es ist daher ein Widerspruch vorhanden zwischen Existenz und Wesen oder (subjektiv ausgedrückt) zwischen Vorstellung und Begriff. Der Widerspruch muß daher aufgehoben werden, was nur dadurch geschehen kann, daß die äußerliche Abhängigkeit eine innere, die Unselbständigkeit der Existenz eine Unselbständigkeit des Wesens und Begriffes wird, daß also weder die Materie noch der Geist oder das Denken einen selbständigen Begriff, sondern beide nur den Begriff Gottes darstellen, daß Geist und Materie sich nicht selbst, sondern Gott allein vorstellen, beide das Wesen Gottes, jedes auf seine Art, jedes in seiner besondern Selbständigkeit, ausdrücken.

 


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