§ 87. Erörterung des Begriffs der Ausdehnung als eines göttlichen Attributs


Obgleich der Begriff der Ausdehnung schon in der Einleitung zu Spinoza erörtert wurde, so ist es doch nötig, noch einiges über diesen Punkt zu sagen; denn daß das Denken etwas Reelles ausdrückt und daher zu Gott gehört, dies erhellt sich von selbst. Daß aber auch die Ausdehnung oder Materie (die man die Teufelsbrücke auf dem St. Gotthard der Substanz nennen könnte) ein Attribut Gottes ist, sieht man nicht so leicht, so unmittelbar ein. Um dies einzusehen, braucht man übrigens nur mit Spinoza zu zeigen und zu erkennen, daß ihr die Bestimmungen der Unendlichkeit, Einzigkeit und Unteilbarkeit zukommen. Daß ihr aber diese zukommen, zeigt sich folgendermaßen.

Alle bestimmte oder einzelne Körper sind nur Einschränkungen oder Bestimmungen des Körpers als Körper oder der körperlichen Natur, d. i. der Ausdehnung, die ihre gemeinschaftliche Substanz ist, ohne die sie nicht sein noch gedacht werden können. »Corpora ratione motus et quietis, celeritatis et tarditatis et non ratione substantiae ab invicem distinguuntur. Omnia corpora in quibusdam conveniunt. In his enim omnia corpora conveniunt, quod unius ejusdemque attributi conceptum involvunt.« (»Eth.«, P. II, Lemma 1, 2) Sie können nicht sein ohne sie (denn eben als bestimmte, d. i. eingeschränkte, negative Wesen haben sie kein Bestehen in sich oder für sich) noch ohne sie gedacht werden; denn sie setzen sie als das Eine und Allgemeine, als ihren wesenhaften Begriff, dessen Einschränkungen nur die Begriffe der einzelnen bestimmten Dinge sind, voraus. Die Ausdehnung oder die körperliche Substanz schließt aber keine Negation in sich, sie ist unbestimmte, unbeschränkte Wirklichkeit, ihr Wesen reines Sein, reine Position. Eine bestimmte Figur oder ein bestimmter Körper dagegen ist eine Beschränkung der unbeschränkten und unbestimmten Ausdehnung, darum an sich selbst nur Einschränkung, Privation des reinen Seins, ein Endliches oder Negatives, ein Nichtsein. »Quantum ad hoc, quod figura negatio, non vero aliquid positivum est, manifestum est, integram materiam, indefinite consideratam, nullam posse habere figuram, figuramque in finitis ac determinatis corporibus locum tantum obtinere. Qui enim se figuram percipere ait, nihil aliud eo indicat, quam se rem determinatam, et quo pacto ea sit determinata, concipere. Haec ergo determinatio ad rem juxta suum Esse non pertinet, sed econtra est ejus nonesse.« (»Epist.« 50) Die Ausdehnung ist daher auch Ursache ihrer selbst, eben weil sie ein Unendliches, Uneingeschränktes, ein schlechthin Wirkliches ist; ihr Wesen schließt Existenz ein, ihr Begriff bejaht und drückt nur Existenz aus, während dagegen das Wesen eines bestimmten Körpers oder Ausgedehnten, dessen Wesen als eines bestimmten seine Bestimmtheit, seine Schranke ist, weil nur Einschränkung, nur Unwirklichkeit ausdrückt.

Wie die bestimmte, d. i. sinnliche Ausdehnung als bestimmte endlich ist, ebenso ist die Ausdehnung, wie sie in der sinnlichen Vorstellung ist, die sinnliche oder sinnlich bestimmte Ausdehnung, wohl ein Teilbares, aber nicht die Ausdehnung, wie sie Objekt der Vernunft oder wie sie in ihrem Wesen ist. Der Körper, in seinem Wesen betrachtet, ist eine ganz einfache Natur. Teilen heißt nichts anders, als etwas Zusammengesetztes in das, woraus es zusammengesetzt ist, auflösen oder überhaupt etwas von einem Dinge wegnehmen. Von der bestimmten Quantität oder Ausdehnung, inwiefern sie bestimmt ist, d. i. von bestimmten Körpern, läßt sich wohl vieles wegnehmen, ja alles, was eben ihre Bestimmtheit ausmacht, die wesentlich eine Verbindung von Verschiedenem und darum teilbar ist, aber von dem Körper als Körper, von der körperlichen Substanz, d. i. der Ausdehnung, läßt sich nichts hinwegnehmen, nichts zu ihr hinzutun. Worein könnte ich sie denn teilen, was könnte ich von ihr hinwegnehmen? Woraus wäre die Ausdehnung zusammengesetzt? Sie wäre nur teilbar, wenn sie aus sich und etwa noch aus andern, der Himmel weiß, was für welchen Ingredienzen oder Bestimmungen zusammengesetzt wäre.159) Aber im Begriff der Ausdehnung liegt nichts Fremdes oder andres als sie selbst, sie besteht nur in sich und aus sich selbst, sie ist also ein Unauflösliches, Unteilbares. Die Ausdehnung wird nur durch sich selbst gedacht, ihr Begriff hängt nicht vom Begriff eines andern Dinges ab, aber das, dessen Begriff nicht den Begriff eines andern Dings einschließt, ist unteilbar, das dagegen, was durch ein andres gedacht wird, dessen Begriff von dem Begriff eines andern abhängt, teilbar. So ist z.B. der Stein als Stein teilbar, denn er reduziert sich auf die Ausdehnung als seinen wesentlichen Begriff und seine Substanz, seine Bestimmungen sind also ein Trennbares, ein Auflösliches, ein von ihm und voneinander Wegnehmbares. Der Begriff der Ausdehnung als Substanz ist daher ein unauflöslicher, unzerlegbarer, schlechthin einfacher Begriff und der Körper selbst daher, im Begriffe oder in seinem Wesen (der Ausdehnung) betrachtet, ein Unteilbares.

Ebenso wie die Bestimmung der Unendlichkeit und Unteilbarkeit liegt aber auch die der Einheit oder Einzigkeit in der Ausdehnung. Denn ihr Wesen ist, da sie nicht ein Bestimmtes, sondern Substanz ist, reine Wirklichkeit, Uneingeschränktsein; aber was ist denn Sein, Existenz als solche, anders als uneingeschränkte (durch keine Beschaffenheiten bestimmte) Position? Ihr Wesen ist daher ihre Existenz, ihre Existenz nichts anders als ihr Wesen selber, da dieses nichts ausdrückt als Bejahung, als schlechthin Positives. Aber das, dessen Existenz nichts anders ist als sein Wesen, ist notwendig eines und einzig, schließt alle Vielheit und Mehrheit aus; denn ein Mehreres, ein Vieles ist nur das, dessen Existenz von seinem Wesen unterschieden ist, ja, die Vielheit oder Mehrheit ist selbst nichts anders als eben dieser Unterschied der Existenz vom Wesen; denn das Wesen ist eines, der Unterschied von dem, was eines ist, von der Einheit also Viel— oder Mehrheit.160)

Die körperliche Substanz drückt also reine uneingeschränkte Wirklichkeit (Realität, Vollkommenheit) aus; denn ob sie gleich nicht denkt oder das Denken von sich ausschließt, so drückt dies doch keine Unvollkommenheit, keinen Mangel aus; denn nicht das Denken gehört zu ihrem Wesen, sondern nur die Ausdehnung; Mangel, Unvollkommenheit ist aber nur dort, wo etwas einer Sache abgeht, was gleichwohl zu ihrem Wesen gehört. Da nun aber alles zu Gott gehört, was das Sein vollkommen ausdrückt, weil er nicht eine bestimmte Art des Wesens, sondern das absolut uneingeschränkte Wesen ist, dem daher alles eigen ist, was keine Schranke, keine Verneinung einschließt, indem sonst sein Wesen ein bestimmtes wäre, so gehört auch die Ausdehnung, da sie das Sein vollkommen ausdrückt, zu Gottes Wesen, ist sie ebensogut wie das Denken ein Attribut Gottes.

»Praesupposui, perfectionem in tô esse et imperfectionem in privatione tou esse consistere. Dico privationem, quamvis enim ex. gr. extensio de se cogitationem neget, nulla tamen hoc ipsum in ea est imperfectio. Notari vellem, vocabulum imperfectionis significare, rei alicui quicquam deesse, quod tamen ad suam naturam pertinet. Ex. gr. Extensio solummodo respectu durationis, situs, quantitatis imperfecta dici potest, nimirum quia non durat longius, quia suum non retinet situm, vel quia major non evadit. Nunquam vero, quia non cogitat, imperfecta dicatur, quandoquidem ejus natura nihil tale exigit, quae in sola extensione consistit, h. e. in certo entis genere. Et quandoquidem Dei natura in certo entis genere non consistit, sed in Ente, quod absolute indeterminatum est, ejus etiam natura exigit id omne, quod to esse perfecte exprimit eo quod ejus natura alias determinata et deficiens esset. Si ponamus, quod extensio existentiam involvit, aeterna et indeterminata ut sit, absoluteque nullam imperfectionem, sed perfectionem exprimat, opus est: Ideoque Extensio ad Deum pertinebit, aut aliquid erit, quod aliquo modo Dei naturam exprimit, quia Deus est Ens, quod non certo duntaxat respectu, sed absolute in essentia indeterminatum et omnipotens est.« (»Epist.« 41)

Da aber Ausdehnung und Denken, jedes nur in seiner Art, unendliches Wesen ausdrückt, jedes nur in seiner Art oder in einer bestimmten Gattung des Wesens uneingeschränkt und unbestimmt (nichtnegativ, affirmativ) ist, Gott aber das in seinem Wesen absolut uneingeschränkte Wesen ist, so drücken sie das Wesen Gottes selbst nur auf eine bestimmte Weise aus, die Ausdehnung ist nur eines von und unter den unendlichen Attributen Gottes und ebenso das Denken.

 

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159) Wie Spinoza bestimmten auch die Neuplatoniker die Materie, d.h. die erste von aller Gestalt und Qualität abgesondert gedachte Materie, als einfach, unveränderlich, unverderblich. »Materiam corrumpi est impossibile; in quid enim et quomodo resolvatur, cogitare non possumus.« (Plotin, »Ennead.« III, 1. VI, c. 8) Aber sie nannten deswegen auch die Materie ein unkörperliches Wesen, eine res incorporea. Die Spinozische Bestimmung »körperliche Substanz« ist ein Widerspruch, denn das corpus hebt die Substanz auf und umgekehrt; körperliche Substanz ist soviel als körperliche Unkörperlichkeit. Findest du die Leiden des Körpers im Widerspruch mit dem Wesen der Substanz, wohlan, so bestimme sie auch geradezu als ein unkörperliches, immaterielles Wesen.

160) Es sind dies lauter Begriffe im Geiste des Spinoza, ob sie gleich nicht verbotenes und in dieser Verbindung sich in ihm finden. — Es gehört übrigens hierher auch, was Spinoza über die Modifikationen im Unterschied von der Substanz und über die Definitionen sagt. »Die Definition drückt bloß das Wesen einer Sache aus, keine Viel— oder Mehrheit. Bloß aus der Definition Gottes, die notwendige Existenz ausdrückt, folgt daher seine Existenz, und zwar die Existenz nur eines Gottes; die Existenz der Modifikationen aber, die viele sind, kann nicht aus ihrer Definition, sondern nur aus der Erfahrung erkannt werden.« Vergl. »Eth.«, P. I, Prop. XVII, Schol.; »Epist. 39, 40 und den oben zitierten 28.«


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