Der Alpenjäger


Willst du nicht das Lämmlein hüten?

      Lämmlein ist so fromm und sanft,

Nährt sich von des Grases Blüten,

      Spielend an des Baches Ranft.

»Mutter, Mutter, laß mich gehen,

Jagen nach des Berges Höhen!«

 

Willst du nicht die Herde locken

      Mit des Hornes munterm Klang?

Lieblich tönt der Schall der Glocken

      In des Waldes Lustgesang.

»Mutter, Mutter, laß mich gehen,

Schweifen auf den wilden Höhen!«

 

Willst du nicht der Blümlein warten,

      Die im Beete freundlich stehn?

Draußen ladet dich kein Garten,

      Wild ists auf den wilden Höhn!

»Laß die Blümlein, laß sie blühen!

Mutter, Mutter, laß mich ziehen!«

 

Und der Knabe ging zu jagen,

      Und es treibt und reißt ihn fort,

Rastlos fort mit blindem Wagen

      An des Berges finstern Ort,

Vor ihm her mit Windesschnelle

Flieht die zitternde Gazelle.

 

Auf der Felsen nackte Rippen

      Klettert sie mit leichtem Schwung,

Durch den Riß geborstner Klippen

      Trägt sie der gewagte Sprung,

Aber hinter ihr verwogen

Folgt er mit dem Todesbogen.

 

Jetzo auf den schroffen Zinken

      Hängt sie, auf dem höchsten Grat,

Wo die Felsen jäh versinken

      Und verschwunden ist der Pfad.

Unter sich die steile Höhe,

Hinter sich des Feindes Nähe.

 

Mit des Jammers stummen Blicken

      Fleht sie zu dem harten Mann,

Fleht umsonst, denn loszudrücken

      Legt er schon den Bogen an.

Plötzlich aus der Felsenspalte

Tritt der Geist, der Bergesalte.

 

Und mit seinen Götterhänden

      Schützt er das gequälte Tier.

»Mußt du Tod und Jammer senden«,

      Ruft er, »bis herauf zu mir?

Raum für alle hat die Erde,

Was verfolgst du meine Herde?«


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Seite zuletzt aktualisiert: 21.07.2006 
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