29. Übergang zur Prüfung des parmenideischen Satzes vom Nichtsein


Fremder: Richtig erinnert. Aber nun ist Zeit zu beratschlagen, was zu machen ist mit dem Sophisten. Denn wie die Einwendungen und die Schwierigkeiten, wenn wir ihn aufspüren wollen, indem wir ihn in die Kunst der Betrüger und Zauberer setzen, uns leicht und zahlreich zuströmen, das siehst du.

Theaitetos: Gar sehr.

Fremder: Und wir haben nur einen kleinen Teil davon durchgenommen, da sie geradezu unendlich sind. [241c]

Theaitetos: So würde es denn, wie es scheint, unmöglich sein, den Sophisten zu fangen, wenn sich dies so verhält.

Fremder: Wie also? Wollen wir also weichlich sein und von ihm ablassen?

Theaitetos: Nein, sage ich, das sollen wir nicht, solange wir noch imstande sind, den Mann auch nur im mindesten zu fassen.

Fremder: Wirst du also Nachsicht haben und dich, wie du jetzt sagtest, begnügen, wenn wir irgendwie auch nur ein weniges von einem so starken Satze abreißen können?

Theaitetos: Wie sollte ich das nicht?

Fremder: So erbitte ich mir nun weiter auch noch dieses von dir. [d] 

Theaitetos: Was!

Fremder: Daß du mich nicht für einen ansehest, der seinem Vater Gewalt tut!

Theaitetos: Warum das?

Fremder: Weil wir den Satz des Vaters Parmenides notwendig, wenn wir uns verteidigen wollen, prüfen und erzwingen müssen, dass sowohl das Nichtseiende in gewisser Hinsicht ist, als auch das Seiende wiederum irgendwie nicht ist.

Theaitetos: Es leuchtet ein, dass dies in unsern Reden durchgefochten werden muß.

Fremder: Wie sollte das nicht einleuchten, sogar, wie man zu sagen pflegt, dem Blinden. [e] Denn wenn jenes nicht widerlegt und dies nicht zugestanden wird, so wird im Leben niemand imstande sein, von falschen Reden und Vorstellungen zu reden, es sei nun von Schatten und Ebenbildern und Nachahmungen und Truggestalten selbst oder von den sich damit beschäftigenden Künsten, ohne sich lächerlich zu machen, indem er genötigt ist, sich selbst zu widersprechen.

Theaitetos: Vollkommen wahr.

Fremder: [242a] Darum nun müssen wir wagen, jenen väterlichen Satz anzugreifen, oder wir müssen die Sache gänzlich unterlassen, wenn uns irgend eine Bedenklichkeit hiervon abhält.

Theaitetos: Uns soll doch nichts davon irgend abhalten.

Fremder: So will ich denn drittens noch eine Kleinigkeit von dir erbitten.

Theaitetos: Sage nur!

Fremder: Ich sagte doch nur eben, dass ich von dieser Widerlegung schon immer habe ablassen müssen, und so auch jetzt.

Theaitetos: Das sagtest du.

Fremder: Dies macht mir nun eben bange, was ich gesagt, dass ich dir nicht etwa ganz wild vorkomme, wenn ich auf der Stelle umwende von unten nach oben. [b] Denn deinetwegen wollen wir noch einmal daran gehen, den Satz zu widerlegen, wenn es uns anders gelingt.

Theaitetos: Mir wirst du nicht scheinen, irgend Unrecht zu begehen, wenn du noch einmal zu diesem Beweise und dieser Widerlegung schreitest: deshalb also gehe nur ungescheut zu.


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