41. Aufweis einer Möglichkeit, daß Nichtseiendes ist: Nichtsein als Verschiedenheit


Fremder: Dies also laß uns behaupten von den fünfen, indem wir das einzelne wiederholen.

Theaitetos: Was doch?

Fremder: Zuerst, dass die Bewegung ganz und gar verschieden ist von der Ruhe. Oder wie sagen wir?

Theaitetos: Nur so.

Fremder: Sie ist also nicht Ruhe?

Theaitetos: Keineswegs.

Fremder: [256a] Sie ist aber doch wegen ihres Anteils am Seienden.

Theaitetos: Ja, sie ist.

Fremder: Wiederum aber ist die Bewegung auch verschieden von dem Identischen.

Theaitetos: Beinahe.

Fremder: Sie ist also nicht das Selbe.

Theaitetos: Nein freilich.

Fremder: Aber auch sie war doch gewissermaßen mit sich selber Selbes, weil hieran ja alles teil hat.

Theaitetos: Gewiß.

Fremder: Daß also die Bewegung identisch sei und auch nicht identisch, muß man gestehen und darüber nicht ungehalten sein. Denn wenn wir sagen, sie ist Selbes und sie ist nicht Selbes, meinen wir es doch nicht auf gleiche Art; [b] sondern wenn Selbes, so sagen wir dies von ihr wegen der Teilnahme am Selben, wenn aber nicht Selbes, dann wegen ihrer Gemeinschaft mit dem Verschiedenen, durch welche von dem Selben abgesondert sie nicht jenes, sondern ein Verschiedenes wird, so dass sie auch wiederum richtig nicht Selbes genannt wird.

Theaitetos: Allerdings.

Fremder: Wenn also irgendwie auch die Bewegung selbst Anteil hätte an der Ruhe oder dem Feststehen, so wäre es nichts Wunderliches, sie eine fest-stehende zu nennen?

Theaitetos: Ganz richtig, da wir doch zugeben, dass einige Begriffe sich miteinander vermischen wollen, andere aber nicht.

Fremder: [c] Hierüber haben wir ja den Beweis schon früher als den jetzigen geführt, als wir zeigten, dass dies natürlich so sein müsse.

Theaitetos: Allerdings.

Fremder: Wiederum sagen wir, die Bewegung ist von dem Verschiedenen verschieden, wie sie auch ein anderes war als das Selbe und als die Ruhe.

Theaitetos: Notwendig.

Fremder: Nicht verschieden ist sie also doch gewissermaßen auch verschieden nach der vorigen Rede.

Theaitetos: Richtig.

Fremder: Wie nun weiter? Sollen wir sagen, sie sei von den dreien verschieden, von dem vierten aber es leugnen, da wir doch zugestanden haben, [d] es wären fünf Begriffe, an welchen und über welche wir die Untersuchung anstellen wollten?

Theaitetos: Wie sollten wir? Denn unmöglich können wir doch die Zahl geringer angeben, als sie sich uns eben gezeigt hat.

Fremder: Ohne Furcht also wollen wir aussagen und verfechten, die Bewegung sei verschieden von dem Seienden.

Theaitetos: Ohne die mindeste Furcht.

Fremder: Ist also nicht ganz deutlich die Bewegung wirklich nicht seiend ebenso wie seiend, inwiefern sie am Seienden Anteil hat?

Theaitetos: Ganz deutlich ist ja das.

Fremder: Also ist ja notwendig das Nichtseiende sowohl an der Bewegung als in Beziehung auf alle anderen Begriffe. Denn von allen gilt, [e] dass die Natur des Verschiedenen, welche sie verschieden macht von dem Seienden, jedes zu einem Nichtseienden macht, und alles insgesamt können wir also gleichermaßen auf diese Weise mit Recht nichtseiend nennen und auch wiederum seiend und können sagen, dass es sei, weil es Anteil hat am Seienden.

Theaitetos: So mag es wohl sein.

Fremder: An jedem Begriff also ist viel Seiendes, unzählig viel aber Nichtseiendes.

Theaitetos: So scheint es.

Fremder: [257a] Muß man nicht auch von dem Seienden selbst sagen, dass es verschieden ist von dem übrigen?

Theaitetos: Notwendig.

Fremder: Auch das Seiende also ist, wiefern das übrige ist, sofern selbst nicht. Denn indem es jenes nicht ist, ist es selbst Eins; das unzählig viele übrige aber ist es nicht.

Theaitetos: Beinahe so verhält es sich wohl.

Fremder: Auch darüber also ist keine Schwierigkeit zu machen, wenn doch die Begriffe ihrer Natur nach Gemeinschaft mit einander haben. Will aber jemand dies nicht zugeben, der überrede erst unsere vorigen Reden, und dann überrede er uns das Weitere!

Theaitetos: Das ist nach strengstem Recht gesprochen.

Fremder: Laß uns nun auch dieses sehen. [b]

Theaitetos: Welches doch?

Fremder: Wenn wir Nichtseiendes sagen, so meinen wir nicht, wie es scheint, ein Entgegengesetztes des Seienden, sondern nur ein Verschiedenes.

Theaitetos: Wie das?

Fremder: Wenn wir z.B. etwas »nicht groß« nennen, meinst du, dass wir durch dies Wort mehr das Kleine als das Gleiche andeuten?

Theaitetos: Keineswegs.

Fremder: Wir wollen also nicht zugeben, wenn eine Verneinung gebraucht wird, dass dann Entgegengesetztes angedeutet werde, sondern nur so viel, [c] dass das vorgesetzte »Nicht« etwas von den darauffolgenden Wörtern oder vielmehr von den Dingen, deren Namen das nach der Verneinung Ausgesprochene ist, Verschiedenes andeute.

Theaitetos: Auf alle Weise freilich.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 00:23:25 •
Seite zuletzt aktualisiert: 18.09.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright