52. Abschließende Festlegung des Sophisten


Fremder: Woher nimmt man also für jeden von ihnen einen schicklichen Namen? Oder ist das nicht offenbar schwer, deshalb, weil in Absicht der Teilung der Gattungen in Arten die früheren einen alten unbewußten Grund hatten, so dass keiner eine solche Einteilung auch nur versuchte, weshalb ich denn mit den Namen notwendig ziemlich in Verlegenheit bin. Dennoch, wenn es auch kühner gesprochen sein sollte, wollen wir der Unterscheidung wegen jene von einer bloßen Vorstellung ausgehende Nachahmung die Dünkelnachahmung nennen, [267e] die aber von der Erkenntnis ausgehende die kundige Nachahmung.

Theaitetos: So sei es.

Fremder: Mit jener haben wir es also zu tun. Denn unter den Wissenden war der Sophist nicht, wohl aber unter den Nachahmenden.

Theaitetos: Gar sehr.

Fremder: Den Dünkelnachahmer laß uns also beschauen wie ein Eisen, ob er aus einem Stück ist oder ob er noch irgendwo eine Spur zeigt, dass er aus zweien zusammengeschlagen ist.

Theaitetos: Das wollen wir tun.

Fremder: Und die zeigt er recht sichtlich: Der eine nämlich ist ehrlich und glaubt wirklich, das zu wissen, was er sich vorstellt. [268a] Des anderen Benehmen aber, weil er sich so gar sehr in seinen Reden hin und her dreht, zeigt, dass er selbst großen Verdacht und Argwohn hegt, das nicht zu wissen, was zu wissen er sich gegen andere das Ansehn geben will.

Theaitetos: Gewiß gibt es deren von beiden Arten, wie du sie beschreibst.

Fremder: Wollen wir nun den einen als den einfältigen Nachahmer setzen, den andern als den, der sich verstellt?

Theaitetos: Das geht wohl.

Fremder: Und gibt es von diesem wieder nur eine Art oder zwei?

Theaitetos: Sieh du zu!

Fremder: [b] Ich sehe schon, und mir erscheinen allerdings deren zwei: der eine, der öffentlich und in langen Reden vor dem Volke sich zu verstellen versteht; der andere, der unter wenigen und in kurzen Sätzen seinen Mitunterredner zwingt, sich selbst zu widersprechen.

Theaitetos: Vollkommen richtig gesagt.

Fremder: Wer soll nun nach unserer Darlegung der Langredende sein: der Staatsmann oder der Volksredner?

Theaitetos: Der Volksredner.

Fremder: Und wie wollen wir den anderen nennen, den Weisen oder den Sophisten?

Theaitetos: Weise wohl unmöglich, da wir ihn ja als nichtwissend gesetzt haben; [c] da er aber ein Nachahmer des Weisen ist, so muß er doch wohl von diesem etwas in seinem Beinamen bekommen, und ich verstehe nun wohl: wir müssen eben diesen bezeichnen als jenen auf alle Weise wahrhaft echten Sophisten.

Fremder: Wollen wir nun wie vorher seinen Namen feststellen und von Anfang bis zu Ende ineinander Hechten?

Theaitetos: Allerdings.

Fremder: Also die Nachahmerei in der zum Widerspruch bringenden Kunst des verstellerischen Teiles des Dünkels, welche in der trügerischen Art von der bildnerischen Kunst her nicht als die göttliche, [d] sondern als die menschliche, tausendkünstlerische Seite der Hervorbringung in Reden abgesondert ist: wer »von diesem Geschlecht und Blute« den wahrhaften Sophisten abstammen läßt, der wird, wie es scheint, das Richtigste sagen.

Theaitetos: Auf alle Weise gewiß.


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