22. Der Sophist als Zauberer und Nachahmer des Seienden


Fremder: Von dem nun, welcher verheißt imstande zu sein, durch eine Kunst alles zu machen, wissen wir doch, dass er durch Verfertigung gleichnamiger Nachbildungen des Wirklichen vermittelst der Malerkunst imstande sein wird, unnachdenkliche junge Knaben, wenn er ihnen von fern das Gemalte vorzeigt, zu täuschen, als ob er, was er nur machen wollte, vollkommen geschickt wäre, auch wirklich und in der Tat hervorzubringen.

Theaitetos: Das freilich. [234c]

Fremder: Wie nun aber? Können wir nicht erwarten, dass es auch in Worten eine andere ähnliche Kunst gebe, vermöge deren es möglich wäre, Jünglinge und solche, die noch in weiter Ferne von dem wahren Wesen der Dinge stehen, durch die Ohren mit Worten zu bezaubern, indem man gesprochene Schattenbilder von allem vorzeigt, so dass man sie glauben macht, es sei etwas Wahres gesagt, und der, welcher es sagt, sei der Weiseste unter allen in allen Dingen?

Theaitetos: Wie sollte es nicht eine andere solche Kunst geben? [d]

Fremder: Werden aber nicht die meisten, o Theaitetos, von denen, welche dies einst hörten, wenn ihnen hinlängliche Zeit darüber vergangen ist und sie bei reiferem Alter in der Nähe mit den Dingen zusammentreffen, so dass sie durch unmittelbare Einwirkungen gezwungen werden, sich offenkundig in Berührung mit den Dingen zu setzen, alsdann notwendig alle ihre damals entstandenen Vorstellungen umwandeln, so dass ihnen das Kleine groß und das Schwere leicht erscheint [e] und überall alle jene Trugbilder aus Worten zerstört werden, wenn die Dinge selbst in der Wirksamkeit herbeikommen?

Theaitetos: Soweit ich in meinen Jahren es beurteilen kann, gewiß. Aber auch ich glaube noch von den weiter entfernt Stehenden einer zu sein.

Fremder: Darum werden auch wir alle suchen, wie wir es auch jetzt schon tun, dich auch ohne jene Einwirkungen so nahe als möglich hinzuzubringen. Wegen des Sophisten aber sage mir dieses: ob so viel schon gewiß ist, [235a] dass er als ein Nachahmer des Wirklichen zu den Zauberern gehört, oder ob wir noch zweifelhaft sind, dass er nicht etwa doch von allem, worin er zu widersprechen geschickt ist, davon auch die Erkenntnis in der Tat besitzen möchte?

Theaitetos: Wie sollten wir wohl, o Fremdling? Vielmehr ist das ja gewiß aus dem Gesagten, dass er von denen einer ist, welche sich eine Art des Scherzes zugeeignet.

Fremder: Als einen Zauberer und Nachbildner müssen wir ihn also setzen?

Theaitetos: Wie sollten wir nicht!


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