33. Der Riesenkampf zwischen denen, die das Sein in die Ideen setzen, und denen, die allein das Körperliche als seiend annehmen


Fremder: Die nun, welche sich so genau einlassen über das Seiende und Nichtseiende, haben wir ganz zwar noch gar nicht durchgenommen. Doch es sei schon genug. Aber die sich anders erklären, müssen wir nun auch in Betrachtung ziehen, um an allen zu sehen, [246a] dass es um nichts leichter ist, das Wesen des Seienden als das des Nichtseienden zu erklären, was es ist.

Theaitetos: So laß uns denn auch an diese gehn!

Fremder: Zwischen diesen scheint mir nun ein wahrer Riesenkrieg zu sein wegen ihrer Uneinigkeit unter einander über das Sein.

Theaitetos: Wieso?

Fremder: Die einen ziehn alles aus dem Himmel und dem Unsichtbaren auf die Erde herab, mit ihren Händen buchstäblich Felsen und Eichen umklammernd. Denn an dergleichen alles halten sie sich und behaupten, das allein sei, woran man sich stoßen und was man betasten könne, [b] indem sie Körper und Sein für einerlei erklären; und wenn von den andern einer sagt, es sei auch etwas, was keinen Leib habe, achten sie darauf ganz und gar nicht und wollen nichts anderes hören.

Theaitetos: Ja, arge Leute sind das, von denen du sprichst; denn ich bin auch schon auf mehrere solche getroffen.

Fremder: Daher auch die gegen sie Streitenden sich gar vorsichtig von oben herab aus dem Unsichtbaren verteidigen und behaupten, gewisse denkbare und unkörperliche Ideen wären das wahre Sein, jener ihre Körper aber und was sie das Wahre nennen, [c] stoßen sie ganz klein in ihren Reden und schreiben ihnen statt des Seins nur ein bewegliches Werden zu. Zwischen ihnen aber, o Theaitetos, ist hierüber ein unermeßliches Schlachtgetümmel immerwährend.

Theaitetos: Richtig.

Fremder: Laß uns also von beiden Teilen nach einander Erklärung fordern über das Sein, welches sie annehmen!

Theaitetos: Wie sollen wir das aber machen?

Fremder: Von denen, die es in Ideen setzen, ist es leichter, denn sie sind zahmer; von denen aber, die mit Gewalt alles in das Körperliche ziehen, ist es schwerer, vielleicht wohl gar unmöglich. [d] Aber so, glaube ich, müssen wir es mit ihnen machen.

Theaitetos: Wie?

Fremder: Am liebsten, wenn es möglich wäre, sie in der Tat besser machen; wenn aber dies nicht angeht, dann wenigstens in unserer Rede, indem wir voraussetzen, dass sie uns ehrlicher, als sie jetzt wohl zu tun pflegen, antworten. Denn was von Besseren eingestanden wird, ist ja wohl mehr wert, als was von Schlechteren eingestanden wird. Und wir kümmern uns ja nicht um sie, sondern suchen nur das Wahre.

Theaitetos: Ganz richtig. [e]


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