26. Das in keiner Weise Seiende ist ohne Widerspruch weder denkbar noch auch nur aussprechbar


Fremder: Noch tue nicht groß. [238a] Denn es ist noch eine Not hierin zurück, und zwar leicht die erste und größte: denn sie betrifft den ersten Anfang der Sache selbst.

Theaitetos: Wie meinst du? Sprich und halte nichts zurück!

Fremder: Einem Seienden könnte wohl ein anderes Seiendes zukommen.

Theaitetos: Unbedenklich.

Fremder: Wollen wir aber auch zugeben, es sei möglich, dass dem Nichtseienden irgend Seiendes zukäme?

Theaitetos: Wie sollten wir?

Fremder: Alle Zahl insgesamt setzen wir doch als seiend?

Theaitetos: Wenn anders irgend etwas als seiend zu setzen ist. [b]

Fremder: So dürfen wir denn nicht wagen, weder eine Mehrheit von Zahl noch auch die Einheit dem Nichtseienden beizulegen.

Theaitetos: Freilich täten wir nicht recht daran, wie es scheint, dies zu wagen, nach dem, was unsere Rede aussagt.

Fremder: Wie könnte nun wohl jemand ohne Zahl das Nichtseiende nur mit dem Munde aussprechen oder auch nur in seinen Gedanken auffassen?

Theaitetos: Woher das?

Fremder: Wenn wir »Nichtseiende« sagen, legen wir da nicht eine Mehrheit der Zahl hinein? [c]

Theaitetos: Allerdings.

Fremder: Und wenn wir »Nichtseiendes« sagen, dann wiederum die Einheit?

Theaitetos: Ganz gewiß.

Fremder: Und wir sagen doch, es sei weder recht noch billig, dass man suche. Seiendes mit dem Nichtseienden zusammenzufügen.

Theaitetos: Du sprichst vollkommen wahr.

Fremder: Siehst du also, wie ganz unmöglich es ist, richtig das Nichtseiende auszusprechen oder etwas davon zu sagen oder es auch nur an und für sich zu denken; sondern wie es etwas Undenkbares ist und Unbeschreibliches und Unaussprechliches und Unerklärliches?

Theaitetos: Auf alle Weise freilich.

Fremder: [d] Habe ich mich aber etwa eben geirrt, als ich sagte, ich wolle nur die größte Schwierigkeit in dieser Sache vortragen?

Theaitetos: Wieso? Ist noch eine andere, größere anzuführen?

Fremder: Wie doch, du Wunderbarer? Merkst du denn nicht eben an dem Gesagten, dass auch den Gegner das Nichtseiende in Not bringt, so daß, wie auch jemand versuche, es zu widerlegen, er gezwungen wird, ihm selbst Widersprechendes davon zu sagen?

Theaitetos: Wie meinst du das? Sage es mir noch deutlicher?

Fremder: Es braucht gar nicht, dass man es noch deutlicher an mir sehe! [e] Denn ich, der ich festsetzte, das Nichtseiende dürfe weder an der Einheit noch Vielheit teilhaben, habe es doch vorher und jetzt geradezu eins genannt. Denn ich sage: das Nichtseiende. Merkst du was?

Theaitetos: Ja.

Fremder: Ja noch ganz vor kurzem wiederum sagte ich, es sei ein Unaussprechliches und Unbeschreibliches und Unerklärliches. Folgst du?

Theaitetos: Ich folge. Wie sollte ich nicht?

Fremder: Indem ich ihm also das Sein zu verknüpfen suchte, sagte ich dem Vorigen Widersprechendes. [239a]

Theaitetos: Offenbar.

Fremder: Und zugleich, indem ich ihm dieses zuschrieb, sprach ich davon als von einem?

Theaitetos: Ja.

Fremder: Und auch, indem ich es ein Unerklärliches nannte und Unbeschreibliches und Unaussprechliches, richtete ich doch meine Rede so ein, als ob es Eins wäre?

Theaitetos: Offenbar.

Fremder: Und wir behaupteten doch, wer richtig reden solle, dürfe es weder als eins noch als vieles bestimmen, noch es überhaupt auch nur es nennen; denn schon durch die bloße Angabe würde er es als eins angeben.

Theaitetos: Allerdings.


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