31. Was bedeutet 'seiend' bei denen, die das All als eine Mehrheit annehmen?


Fremder: Das vielerlei andere nun wollen wir in der Folge erwägen, wenn du meinst; [243d] wegen des Größten aber und Hauptsächlichsten müssen wir jetzt zusehen.

Theaitetos: Welches meinst du? Oder willst du offenbar, wir sollen zuerst das Seiende erforschen, wie es doch die, welche davon reden, eigentlich darzustellen meinen?

Fremder: Beim rechten Ort, o Theaitetos, hast du es ergriffen. Ich meine nämlich, wir müssen dieses Verfahren anwenden, sie, als ob sie selbst zugegen wären, so auszufragen: »Wohlan alle, die ihr sagt, alles sei Warmes und Kaltes oder zwei andere dergleichen, was sagt ihr doch nun eigentlich von diesen beiden aus, wenn ihr sagt, [e] dass sie beide und jedes von beiden sind? Was sollen wir uns unter diesem eurem Sein denken? Sollen wir es setzen als ein drittes außer jenen beiden, und also das Ganze als drei und nicht mehr als zwei nach euch setzen? Denn nennt ihr eines von diesen beiden das Seiende, so sagt ihr nicht mehr, dass beide auf gleiche Weise sind, und so wäre auf beiderlei Weise nur eins und nicht zwei.«

Theaitetos: Ganz richtig.

Fremder: »Ihr wollt aber doch beide das Seiende nennen?«

Theaitetos: Vielleicht.

Fremder: [244a] »Aber, ihr Lieben,« wollen wir dann sagen, »auch so würdet ihr ganz deutlich sagen, dass die zwei eins sind«.

Theaitetos: Ganz richtig gesprochen.

Fremder: »Da nun wir keinen Rat wissen, so macht doch ihr selbst uns recht anschaulich, was ihr doch andeuten wollt, wenn ihr Seiendes sagt! Denn offenbar wißt ihr doch dies schon lange; wir aber glaubten es vorher zwar zu wissen, jetzt aber stehen wir ratlos. Lehret uns also zuerst dieses, damit wir uns nicht einbilden zu verstehen, was ihr sagt, [b] indes uns ganz das Gegenteil hiervon widerfährt!« Wenn wir so sprechen und das von diesen sowohl als von allen andern fordern, welche sagen, das All sei mehr als eins, werden wir dann wohl großes Unrecht begehen, Kind?

Theaitetos: Gewiß gar nicht.


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