15. Die zwei Arten von Schlechtigkeit in der Seele: ihre Krankheit und ihre Häßlichkeit


Fremder: Bösartigkeit ist uns doch etwas anderes als Tugend in der Seele?

Theaitetos: Wie sollte sie nicht?

Fremder: Und Reinigung war uns doch, das andere zurücklassen, wo es aber irgend etwas Untaugliches gibt, dies herauswerfen?

Theaitetos: Das war die Sache.

Fremder: Auch bei der Seele, wo wir eine Hinwegräumung der Schlechtigkeit antreffen, werden wir, wenn wir das Reinigung nennen, wohlgesprochen haben.

Theaitetos: Gar sehr.

Fremder: Zwei Arten von Schlechtigkeit in der Seele sind aber anzuführen.

Theaitetos: Was für welche?

Fremder: [228a] Die eine wohnt ihr ein wie dem Leibe die Krankheit, die andere wie die Häßlichkeit.

Theaitetos: Das habe ich nicht verstanden.

Fremder: Vielleicht hältst du Krankheit und Aufruhr nicht für einerlei?

Theaitetos: Auch darauf weiß ich noch nicht, was ich antworten soll.

Fremder: Siehst du Aufruhr für etwas anderes an, als für einen in dem von Natur Verwandten durch irgend ein Verderben entstandenen Zwist?

Theaitetos: Für nichts anderes. [b]

Fremder: Und Häßlichkeit für etwas anderes als für die überall, wo es auch sei, widerliche Gattung der Ungemessenheit?

Theaitetos: Keineswegs für etwas anderes.

Fremder: Wie nun? Merken wir nicht, dass in der Seele das Urteil mit den Begierden, das Gemüt mit den Lüsten, die Vernunft mit der Unlust und dies alles unter sich bei untauglichen Menschen im Streite liegt?

Theaitetos: Gar sehr, gewiß.

Fremder: Und verwandt ist doch notwendig dies alles unter sich?

Theaitetos: Wie sollte es nicht?

Fremder: Wenn wir also die Bösartigkeit Aufruhr und Krankheit der Seele nennen, werden wir uns richtig ausdrücken?

Theaitetos: Vollkommen richtig, gewiß.

Fremder: [c] Wie aber, wenn etwas, dem Bewegung zukommt und das ein vorgesetztes Ziel zu erreichen versucht, bei jedem Anlauf daran vorbeigeht und es verfehlt, sollen wir sagen, dass dem dieses aus Wohlgemessenheit beider gegen einander oder aus Ungemessenheit widerfahre?

Theaitetos: Offenbar aus Ungemessenheit.

Fremder: Aber überall irrt jede Seele, das wissen wir, nur unfreiwillig.

Theaitetos: Gar sehr.

Fremder: Das Irren ist ja doch nichts anderes als einer nach Wahrheit ausgehenden, [d] bei der Einsicht aber vorbeikommenden Seele Vorbeidenken.

Theaitetos: Unbedenklich.

Fremder: Eine unverständige Seele also ist als eine häßliche und ungemessene zu setzen.

Theaitetos: So scheint es.

Fremder: Es gibt also, wie sich zeigt, diese zwei Gattungen des Schlechten in ihr: die eine, gemeinhin Bösartigkeit genannt, ist offenbar ihre Krankheit.

Theaitetos: Ja.

Fremder: Die andere nennen sie Unverstand; dass sie aber allein eine Schlechtigkeit in der Seele sei, wollen sie nicht eingestehen.

Theaitetos: [e] Offenbar muß man einräumen, was ich, als du es vorher sagtest, noch bezweifelte, dass es zwei Arten der Schlechtigkeit in der Seele gibt, und dass Feigheit, Unbändigkeit, Ungerechtigkeit insgesamt für Krankheit in uns zu halten ist, die oftmaligen und mannigfaltigen Erscheinungen des Unverstandes aber als Häßlichkeit zu setzen.



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.01.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright