45. Die Rede als Kundmachung. Zwei Arten von Wörtern und ihre Verbindung zum einfachsten Satz


Fremder: Rede und Vorstellung laß uns also, wie gesagt, jetzt vornehmen, damit wir desto untrüglicher berechnen können, ob das Nichtseiende sie erreicht, oder ob beide in alle Wege wahr sind und keine von ihnen jemals falsch.

Theaitetos: Richtig.

Fremder: [261d] Wohlan denn, wie wir uns über die Begriffe und Buchstaben erklärten, ebenso laß uns auch wegen der Worte nachsehen; denn auf diese Art wird sich wohl das jetzt Gesuchte zeigen.

Theaitetos: Worauf sollen wir eigentlich bei den Worten achthaben?

Fremder: Ob alle sich miteinander zusammenfügen oder keines, oder ob einige wollen, andere aber nicht.

Theaitetos: Offenbar wollen doch einige, andere aber nicht.

Fremder: Du meinst es vielleicht so, dass die, welche, nacheinander ausgesprochen, auch etwas kundmachen, sich zusammenfügen, [e] die aber in ihrer Zusammenstellung nichts bedeuten, sich nicht fügen.

Theaitetos: Wie meinst du dies eigentlich?

Fremder: So wie ich glaubte, du hättest es dir auch gedacht, als du mir beistimmtest. Es gibt nämlich für uns eine zwiefache Art von Kundmachung des Seienden durch die Stimme.

Theaitetos: Wie das?

Fremder: [262a] Das eine sind die Benennungen oder Hauptwörter, das andere die Zeitwörter.

Theaitetos: Beschreibe mir beide!

Fremder: Die Kundmachungen, welche auf Handlungen gehn, nennen wir Zeitwörter.

Theaitetos: Ja.

Fremder: Die Zeichen aber, die dem, was jene Handlungen verrichtet, durch die Stimme beigelegt werden, sind die Hauptwörter.

Theaitetos: Offenbar freilich.

Fremder: Und nicht wahr, aus Hauptwörtern allein, hintereinander ausgesprochen, entsteht niemals eine Rede oder ein Satz, und ebensowenig auch aus Zeitwörtern, die ohne Hauptwörter ausgesprochen werden?

Theaitetos: Das habe ich nicht verstanden.

Fremder: [b] Offenbar also hast du etwas anderes in Gedanken gehabt, als du mir eben beistimmtest. Denn eben dies wollte ich sagen, dass aus diesen so hintereinander ausgesprochen keine Rede wird.

Theaitetos: Wieso?

Fremder: Wie etwa geht, läuft, schläft und so auch die andern Zeitwörter, welche Handlungen andeuten, und wenn man sie auch alle hintereinander hersagte, brächte man doch keine Rede zustande.

Theaitetos: Wie sollte man auch?

Fremder: Und ebenso wiederum, wenn gesagt wird: Löwe, Hirsch, Pferd und mit was für Benennungen sonst das, was Handlungen verrichtet, pflegt benannt zu werden, [c] auch aus dieser Folge kann sich nie eine Rede bilden. Denn weder auf diese noch auf jene Weise kann das Ausgesprochene weder eine Handlung noch eine Nichthandlung noch ein Wesen eines Seienden oder Nichtseienden darstellen, bis jemand mit den Hauptwörtern die Zeitwörter vermischt. Dann aber fügen sie sich, und gleich ihre erste Verknüpfung wird eine Rede oder ein Satz, wohl der erste und kleinste von allen.

Theaitetos: Wie meinst du nur dieses?

Fremder: Wenn jemand sagt: »der Mensch lernt«, so nennst du das wohl den kürzesten und einfachsten Satz?

Theaitetos: Das tue ich. [d]

Fremder: Denn hierdurch macht er schon etwas kund über Seiendes oder Werdendes oder Gewordenes oder Künftiges und benennt nicht nur, sondern bestimmt auch etwas, indem er die Hauptwörter mit Zeitwörtern verbindet. Darum können wir auch sagen, dass er redet und nicht nur nennt, und wir haben ja auch dieser Verknüpfung eben den Namen Rede beigelegt.

Theaitetos: Richtig.


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