44. Notwendigkeit, zur Auffindung des Sophisten das Problem des falschen Redens und Denkens zu lösen


Fremder: Aber auch, o Bester, alles von allem absondern zu wollen, [259e] schickt sich schon sonst nirgend hin und gehört denn auch auf alle Weise nur zu einem von den Musen Verlassenen und ganz Unphilosophischen.

Theaitetos: Wie das?

Fremder: Weil es die völligste Vernichtung alles Redens ist, jedes von allem übrigen zu trennen. Denn nur durch gegenseitige Verflechtung der Begriffe kann uns ja eine Rede entstehn.

Theaitetos: Allerdings.

Fremder: [260a] Überlege nun, wie zu gar rechter Zeit wir jetzt gegen solche gestritten und sie genötigt haben, zuzugeben, dass eines sich mit dem anderen mische.

Theaitetos: In welcher Hinsicht denn?

Fremder: Weil doch die Rede auch Eins von den seienden Gattungen ist. Denn ihrer beraubt, wären wir, was das Größte ist, auch der Philosophie beraubt, überdies aber müssen wir uns auch jetzt darüber einigen, was eine Rede ist. Wollten wir sie nun ganz ausschließen, dass sie überall nicht sein soll: so vermöchten wir nicht weiter etwas zu sagen. Wir schlössen sie aber aus, wenn wir einräumten, es gäbe gar keine Verknüpfung für irgend etwas mit irgend etwas. [b]

Theaitetos: Ganz richtig ist dies wohl; warum wir aber jetzt die Rede erklären müssen, das habe ich noch nicht verstanden.

Fremder: Vielleicht, wenn du mir so folgen willst, wirst du es ganz leicht fassen...

Theaitetos: Wie doch?

Fremder: Das Nichtseiende hat sich uns doch als einer von den übrigen Begriffen gezeigt, der durch alles Seiende zerstreut ist.

Theaitetos: Richtig.

Fremder: Nun laß uns zunächst zusehn, ob es sich wohl mit Vorstellung und Rede verbindet?

Theaitetos: Weshalb?

Fremder: [c] Verbindet es sich mit diesen nicht, so ist notwendig alles wahr; verbindet es sich, so entsteht ja falsche Vorstellung und Rede. Denn Nichtseiendes vorstellen oder reden, das ist doch das Falsche, was in Gedanken und Reden vorkommen kann.

Theaitetos: Allerdings.

Fremder: Und ist Falsches, so ist auch Täuschung.

Theaitetos: Ja.

Fremder: Und ist Täuschung, dann ist doch gewiß notwendig alles voll Schattengestalten und Abbilder und trüglichen Scheines.

Theaitetos: Wie könnte es anders sein?

Fremder: Und der Sophist, sagten wir, hätte sich in diese Gegend zwar geflüchtet, [d] dabei aber gänzlich geleugnet, es gäbe gar keinen Irrtum. Denn das Nichtseiende könne man weder denken noch sagen. Denn am Sein habe das Nichtseiende nirgendwie Anteil.

Theaitetos: So war es.

Fremder: Nun aber hat sich allerdings gezeigt, es habe Anteil am Seienden. So dass er uns auf dieser Seite vielleicht nicht mehr bestreiten möchte, wohl aber sagen, einige Arten hätten nur Anteil am Nichtseienden, andere nicht, und Rede und Vorstellung gehörten zu denen, die ihn nicht hätten; so dass er die Bildmacherei und Trugbildnerei, worin wir sagen, dass er sich befindet, immer noch bestreitet, dass sie nicht ist, [e] weil nämlich Vorstellung und Rede keine Gemeinschaft hat mit dem Nichtseienden; denn es gebe gar keinen Irrtum, sobald diese Gemeinschaft nicht bestehe. Darum müssen wir nun zuerst Rede und Meinung und Vorstellung recht erforschen, was dieses ist, damit, wenn es sich uns gezeigt, wir auch dessen Gemeinschaft mit dem Nichtseienden ersehen, [261a] und wenn wir diese ersehen, den Irrtum als seiend aufzeigen, und wenn wir diesen aufgezeigt, wir den Sophisten darin festbinden, hat er dies anders verwirkt, sonst aber ihn loslassen und in einer andern Gattung aufsuchen.

Theaitetos: Offenbar, o Fremdling, ist doch das wahr, was vom Sophisten anfänglich gesagt worden, dass es ein schwer zu fangendes Geschlecht ist. Denn man sieht ja, welchen Überfluß er hat an Verschanzungen, von denen er eine nach der andern aufwirft, die man dann notwendig erst erobern muß, um zu ihm selbst zu kommen. Denn kaum haben wir uns jetzt durch das Nichtseiende, was er aufgeworfen hatte, dass es nicht wäre, durchgeschlagen, so hat er schon etwas anderes aufgeworfen, und wir müssen nun erst zeigen, [b] dass es Falsches gibt in der Rede und der Vorstellung, und nach diesem vielleicht etwas anderes und dann wieder ein anderes nach jenem, und niemals, wie es scheint, wird sich ein Ende zeigen.

Fremder: Guten Mutes muß man sein, o Theaitetos, wenn man auch immer nur ein weniges vorwärtskommen kann. Denn wer in solchen Fällen schon mutlos wird, was will der anderwärts tun, wo er vielleicht gar nichts ausrichtet oder wohl gar zurückgetrieben wird? [c] Gute Wege hat es, wie man im Sprichwort sagt, dass ein solcher jemals eine Stadt erobern sollte. Nun aber, du Guter, wenn nur, was du sagtest, erst glücklich zu Ende gebracht ist, dann haben wir gewiß die stärkste Mauer eingenommen, und das andere wird schon leichter und geringer sein.

Theaitetos: Das ist ein gutes Wort.


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 11:48:56 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.01.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright