49. Erläuterung der göttlichen und menschlichen Hervorbringung und abermalige Zweiteilung


Fremder: Hervorbringend, sagten wir doch, wenn wir uns des anfänglich Gesprochenen erinnern, sei jede Kraft, welche dem vorher nicht Seienden Ursache wird, dass es hernach werde.

Theaitetos: Ich erinnere mich.

Fremder: [265c] Alle sterblichen lebendigen Wesen nun und die Gewächse, die auf der Erde aus Samen und Wurzeln erwachsen, und die unbeseelt in der Erde sich findenden schmelzbaren und unschmelzbaren Körper, sollen wir sagen, dass dies alles durch eines andern als Gottes Hervorbringung hernach werde, da es zuvor nicht gewesen? Oder sollen wir uns der gewöhnlichen Lehre und Redensart bedienen?

Theaitetos: Welcher?

Fremder: Daß wir sagen, die Natur erzeuge dies kraft einer von selbst gedankenlos wirkenden Ursache? Oder mit Vernunft und göttlicher, von Gott kommender Erkenntnis?

Theaitetos: [d] Ich zwar wende mich sonst oft, vielleicht meiner Jugend wegen, von einer dieser Vorstellungen zur andern; nun ich aber auf dich sehe und vermute, du glaubst, dass dies auf eine göttliche Art entstehe, nehme auch ich dasselbe an.

Fremder: Sehr gut, o Theaitetos, und gewiß, wenn wir dich für einen von denen hielten, die in Zukunft anders denken werden, so würden wir jetzt gleich unternehmen, in unserer Rede durch dringende Beweise dich zur Einstimmung zu bringen. Da ich aber deine Natur dafür ansehe, [e] dass sie auch ohne unsere Reden selbst sich dahin neigt, wohin du jetzt gezogen zu werden bekennst, so lasse ich es; denn die Zeit wäre verschwendet. Sondern ich setze fest: was man der Natur zuschreibt, das werde durch göttliche Kunst hervorgebracht, was aber hieraus von Menschen zusammengesetzt wird, durch menschliche, und nach dieser Erklärung gibt es also zwei Arten der hervorbringenden Kunst, die eine menschlich, die andere göttlich.

Theaitetos: Richtig.

Fremder: Schneide nun von diesen zweien jede wiederum in zwei Teile!

Theaitetos: Wie das?

Fremder: [266a] Wie wenn du damals die gesamte Hervorbringung hättest der Länge nach zerschnitten, und du zerschnittest sie nun der Breite nach.

Theaitetos: So sei sie denn zerschnitten!

Fremder: Vier Teile derselben entstehen also hieraus überhaupt: zwei menschliche bei uns, zwei göttliche bei den Göttern.

Theaitetos: Ja.

Fremder: Von dieser anderweitigen Einteilung ist das eine Glied für jeden der beiden vorigen Teile die eigentlich hervorbringende, die beiden übrigbleibenden aber könnten am füglichsten die nachbildenden heißen, und auf diese Weise ist wiederum die gesamte hervorbringende Kunst in zwei Teile geteilt.

Theaitetos: Sage nur noch, wie eigentlich jede. [b]



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 08.01.2006 
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