1. Einführung des eleatischen Fremdlings und Frage des Sokrates nach dem Sophisten, Staatsmann und Philosophen


Theodoros · Sokrates · Fremder aus Elea · Theaitetos

 

Theodoros: [216a] Der gestrigen Verabredung gemäß, o Sokrates, Stellen wir selbst uns gebührend ein und bringen auch hier noch einen Fremdling mit, seiner Abkunft nach aus Elea, und einen Freund derer, die sich zum Parmenides und Zenon halten, einen gar philosophischen Mann.

Sokrates: Solltest du etwa, Theodoros, dir unbewußt nicht einen Fremdling, sondern einen Gott mitbringen nach der Rede des Homeros, [b] welcher ja sagt, dass sowohl andere Götter solche Menschen, die an Recht und Scham festhalten, als auch besonders der gastliche Gott, zu geleiten pflegen, um den Übermut und die Frömmigkeit der Menschen zu beschauen: Vielleicht also begleitet auch dich auf dieselbe Art dieser, einer der Höheren, um uns, die wir noch so gering sind im Reden, heimzusuchen und zu überführen, ein überführender Gott?

Theodoros: Nicht ist dieses die Weise des Fremdlings, o Sokrates; sondern bescheidener ist er als die, welche sich auf das Streiten gelegt haben. Und es dünkt mich der Mann ein Gott zwar keineswegs zu sein, göttlich aber gewiß; [c] denn alle Philosophen möchte ich so benennen.

Sokrates: Und mit Recht, o Freund. Nur mag wohl dieses Geschlecht, dass ich es heraussage, nicht viel leichter zu erkennen sein als das der Götter. Denn in gar mancherlei Gestalten erscheinen, wegen der Unwissenheit der andern, diese Männer, die nicht angeblichen, sondern wahrhaften Philosophen, und durchgehen, die Gebiete der Menschen betrachtend, von oben her der Niedern Leben, und einigen scheinen sie gar nichts wert zu sein, anderen über alles zu schätzen, und sie werden bald für Staatsmänner angesehen, bald für Sophisten; [d] ja bisweilen sind sie einigen schon vorgekommen als gänzlich Verwirrte. Von unserm Fremdling nun möchte ich gern vernehmen, wenn es auch ihm gelegen wäre, was doch die Leute dortigen Ortes hiervon hielten und sagten. [217a]

Theodoros: Wovon denn?

Sokrates: Vom Sophisten, Staatsmann, Philosophen.

Theodoros: Was doch eigentlich? Und was für Ungewißheit hast du hierüber, dass dir dies zu fragen eingefallen ist?

Sokrates: Diese, ob sie dies alles für einerlei hielten oder für zweierlei, oder ob sie, so wie die drei Wörter, so auch drei Gattungen unterscheidend, nach der Zahl der Namen mit jedem auch einen besonderen Begriff verknüpften?

Theodoros: Er wird ja, wie ich meine, kein Bedenken haben, dies durchzugehen. Oder was, o Fremdling, wollen wir sagen?

Fremder: Eben dies, Theodoros. [b] Denn weder habe ich ein Bedenken, noch ist es schwer zu sagen, dass sie es ja wohl für dreierlei hielten. Einzeln aber genau zu bestimmen, was jedes ist, das ist kein kleines noch leichtes Geschäft.

Theodoros: Recht glücklich, o Sokrates, hast du einen Gegenstand ergriffen, der dem ganz verwandt ist, worüber wir schon, ehe wir hierher gingen, diesen befragten. Er aber hat dasselbe, was jetzt gegen dich, auch vorher gegen uns vorgeschützt. Denn genug darüber gehört zu haben bekennt er, und auch, dass es ihm nicht entfallen ist.


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