30. Die Geschichten der alten Philosophen vom Seienden und ihre Unverständlichkeit


Fremder: Wohlan, womit soll man nun diese gewagte Rede beginnen? Mich dünkt, Kind, diesen Weg müssen wir ganz notwendig einschlagen...

Theaitetos: Welchen doch?

Fremder: Was wir jetzt glauben, ganz sicher zu haben, das laß uns zuerst nachsehn, [242c] ob wir nicht daran irre sind und es uns nur leichtsinnigerweise zugestehen, wir hätten es aufs genaueste überlegt!

Theaitetos: Sage nur deutlicher, was du meinst!

Fremder: Etwas obenhin scheint Parmenides mit uns umgegangen zu sein und wohl alle, die jemals an eine Sonderung der Dinge sich gewagt haben, um zu bestimmen, welcherlei und wievielerlei sie sind.

Theaitetos: Weshalb?

Fremder: Jeder, scheint es, hat uns sein Geschichtchen erzählt wie Kindern. Der eine, dreierlei wäre das Seiende, bisweilen einiges davon miteinander im Streit, [d] dann wieder alles Freund, da es dann Hochzeiten gibt und Zeugungen und Auferziehungen des Erzeugten. Ein anderer beschreibt es zwiefach, feucht und trocken, oder warm und kalt, und bringt beides zusammen und stattet es aus. Unser eleatisches Volk aber vom Xenophanes und noch früherher trägt seine Geschichte so vor, als ob das, was wir Alles nennen, nur Eins wäre. Gewisse ionische und sizilische Musen aber haben späterhin gemerkt, es wäre sicherer, beides zusammenflechtend zu sagen, [e] das Seiende sei Vieles und auch Eines und werde durch Feindschaft und Freundschaft zusammengehalten. Denn sondernd mische es sich immer, sagen die strengeren Musen; die weicheren aber lassen nach, dass sich dies immer so verhalten solle, und sagen, abwechselnd sei das Ganze bisweilen eines und durch Aphrodite befreundet, [243a] dann wieder Vieles und sich selbst feindselig erregt durch den Streit. Ob nun an dem allen einer von ihnen etwas Wahres gesagt hat oder nicht, das ist schwierig, und es ist wohl auch frevelhaft, so hochberühmten Männern des Altertums Vorwürfe zu machen; so viel aber kann man doch, ohne sich irgend zu vergehen, behaupten.

Theaitetos: Was doch?

Fremder: Daß sie uns andere allzusehr übersehen und geringschätzig behandelt haben. Denn ohne danach zu fragen, ob wir ihnen folgen in ihren Reden oder zurückbleiben, [b] bringen sie jeder das Seinige zu Ende.

Theaitetos: Wie meinst du das?

Fremder: Wenn einer von ihnen spricht und behauptet, es sei oder sei geworden oder werde vieles oder zwei oder eines, und Warmes mit Kaltem vermischt, oder wenn er anderwärtsher Trennungen und Verbindungen annimmt, - verstehst denn du, Theaitetos, bei den Göttern, jemals etwas hiervon, was sie meinen? Ich wenigstens, als ich jünger war, glaubte auch das, was uns jetzt so schwierig ist,

das Nichtseiende, wenn jemand davon sprach, genau zu verstehen; jetzt aber siehst du, in welcher Not wir damit sind.

Theaitetos: Ich sehe es. [c]

Fremder: Vielleicht aber begegnet uns in unserer Seele dasselbe nicht weniger auch mit dem Seienden, dass wir von diesem glauben, es hätte damit keine Not und wir verständen, was jemand davon sagt, von jenem aber nicht, da wir uns doch gegen beides ganz gleich verhalten.

Theaitetos: Vielleicht.

Fremder: Und von dem übrigen vorher Erwähnten soll uns dasselbe gelten.

Theaitetos: Allerdings.


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 01:42:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 07.01.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright