e) Diät und Pflege des Tast-, Gefühlsinns

Diät und Pflege des Tast- oder Gefühlsinns. Es ist derselbe von allen Sinnen der allgemeinste und objektivste; er erregt die unmittelbarste Wirkung, denn er belehrt uns über die Formen der Körperwelt. Er täuscht weniger, als der Gesichtsinn, der oft vorsätzlich getäuscht wird, z. B. bei der Malerei, wo man glauben sollte, die Gemälde wären erhaben, gleich plastischen Kunstprodukten, und man könne sie mit den Händen greifen. — In den Nerven der Fingerspitzen ist das Organ des Tastens am stärksten, und wie sehr der Tastsinn kultiviert werden könne, darüber haben uns manche Blinde Auskunft gegeben, desgleichen Taubgeborene, welchen das Betasten musikalischer Instrumente, z. B. des Resonanzbodens eines Klaviers, einer Harfe, Gitarre etc. während des Spielens einen musikalischen Genuss gewährte. Der Nutzen des Tastsinns besteht vorzüglich darin, dass wir uns mancherlei Ideen verschaffen und dass wir unsere durch die anderen Sinne gemachten Erkenntnisse berichtigen. Daher haben ihn Einige, weil er am wenigsten täuscht, den Sinn der Wahrheit genannt. (Kleine Kinder haben von Natur, gleich einfältigen Erwachsenen, das Bedürfnis, ihre durchs Gesicht gemachten Erkenntnisse der objektiven Körperwelt durch den Tastsinn zu berichtigen. Die Kleinen greifen sich auch den Mond vom Himmel und betasten Alles, was sie sehen. Einfältige Mütter und Ammen wollen bei ihren Säuglingen dies nicht dulden, bedenken aber nicht, wie sehr sie dadurch der geistigen Entwicklung des Kindes schaden).

Um den Gefühl- oder Tastsinn gesund zn erhalten, sind manche geringfügig scheinende Dinge zu meiden, welcher aus Unkenntnis die meisten Menschen hier ohne Schaden oder nachteiligen Einfluss sich bedienen zu können glauben. Solche sind folgende: schneller Temperaturwechsel der Hände. Köchinnen und Wäscherinnen, welche die Hände bald in heißes, bald in kaltes Wasser stecken müssen, verlieren zuletzt alles feine Gefühl in den Fingerspitzen, abgesehen davon, dass sie dadurch auch leicht Frostbeulen an den Händen sich zuziehen. Eben so nachteilig ists für den Tastsinn, heiße und brennende Körper mit bloßen Fingern anzugreifen, die Nägel sich zu kurz abzuschneiden oder abzubeißen (denn sie bilden einen Stützpunkt fürs feine Gefühl), oder auch sie zu lang, nach der Sitte mancher Engländer, wachsen zu lassen.

Die größtmöglichste Ausbildung und Übung sämtlicher fünf Sinne ist eine sehr wichtige, aber leider! oft wenig beobachtete Aufgabe der Kindererziehung. Denn sie sind die Werkzeuge der Seele, und von der Sinnenwelt geht alle höhere geistige Entwicklung beim Kind aus. Von der Güte ihrer (der Sinne) Beschaffenheit hängt es daher zunächst ab, dass wir alle Gegenstände in der Natur richtig oder unrichtig, deutlich oder undeutlich erkennen, und darum sind sie uns so wichtig für unser ganzes Leben. Haben wir aber je das Unglück, einen der beiden edlern Sinne, namentlich das Gesicht zu verlieren, so lehrt die Erfahrung, dass vorzüglich der Tastsinn es ist, welcher, durch häufige Übung vervollkommnet, das Sehen in vieler Hinsicht oft auf eine bewunderungswürdige Weise ersetzen kann. (S. Siebenhaar a. a. O. S. 92.)


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