Schröpfen, Schröpfköpfe

Außer dem Aderlassen und der Anwendung der Blutegel gibt es noch eine dritte Art, dem menschlichen Körper Blut zu entziehen: das sogenannte blutige Schröpfen oder die Anwendung blutiger Schröpfköpfe (Applicatio cucurbitularum cum incisione). Dasselbe, ein sehr beliebtes Volksmittel in ganz Europa, kannten schon die Griechen. Man macht an einer Lichtflamme einen mit warmem Wasser angefeuchteten Schröpfkopf luftleer, setzt ihn an die geeignete Stelle des Körpers (Arm, Bein, Nacken, Rücken etc.), worauf diese bald anschwillt und sich rötet. Alsdann wird sie mit dem Schröpfschnepper oberflächlich verwundet und der Schröpfkopf, deren nach Umständen 4—16 Stück gleichzeitig gesetzt werden können, wieder aufgesetzt, damit er das Blut aus der geschröpften Stelle sauge. Dies wird so oft wiederholt, bis kein Blut mehr kommt. Später reibt man in die wunden Hautstellen etwas Hirschtalg.

Das Schröpfen kann in manchen Fällen die Blutegel ersetzen; ja es gibt Fälle, wo es letzteren weit vorzuziehen ist, nämlich da, wo wir Blut aus sehr kleinen Gefäßen, wohin ein Aderlass nicht so direkt und schnell reichen kann, entziehen wollen; z. B. bei heftigen Augenentzündungen, bei apoplektischen Zufällen, bei entzündlicher Bräune etc. Das Schröpfen, bei rheumatischen and gichtischen Lokalleiden der Schulter, des Rückens, im Kacken, bei solchen Leiden des Arms, Schenkels, an diesen Teilen, ist ein beliebtes und wirksames Bauernmittel in ganz Deutschland, und leistet oft mehr, als alle inneren Arzneien. — Auch bei allen frischen Gelenkentzündungen, beim sogen. Hexensprung oder plötzlich auftretendem Verdrehen im Kreuze, wo jede Bewegung des Körpers die heftigsten Schmerzen macht, ist blutiges und unblutiges Schröpfen (bei letzterem Übel auch die ersten Tage oft erneuerte kalte Umschläge auf die Kreuzgegend) sehr nützlich. Das blutige Schröpfen verrichten die Hottentotten mittels eines Kuhhorns, welches an der Spitze eine kleine Öffnung hat, welches der Helfende auf den kranken Teil setzt, ansaugt, dann zwei Einschnitte in die Haut macht und wieder ansaugt. (S. Osiander a. a. O. p. 16) Auch die Neger im Innern von Afrika, die Indianer in Brasilien und Nordamerika, die Neuseeländer, die Papuas auf den Molukken und in Neu-Guinea, so wie die Araber und Ägypter wissen durch verschiedene Methoden zu schröpfen, in Krankheiten Blut zu entziehen.

Das nichtblutige, sogenannte trockne Schröpfen (Applicatio cucurbitularum sine incisione) ist auch ein sehr beliebtes Volksmittel, was bis auf die neuere Zeit von den Ärzten mit Unrecht zu gering geachtet worden ist. Es wirkt dasselbe als ein gelindes Zugmittel, indem es die Haut rötet und ableitet. Ein bis zwei trockne Schröpfköpfe, wiederholt eine halbe bis eine Stunde lang an die Wange gesetzt, wenn ein schmerzender Zahn im Mund befindlich ist oder der Mensch an dem quälenden nervösem Gesichtsschmerz (Prosopalgia) leidet, vertreibt den Zahn- und Gesichtsschmerz sehr bald, eben so fünf bis sechs trockne Schröpfköpfe auf und um die Nabelgegend den heftigsten Kolikschmerz; ja selbst eingeklemmte Brüche kann mau durch das Aufsetzen eines großen Schröpfkopfes, eines durch Lichtflamme oder angezündeten Spiritus luftleer gemachten angefeuchteten Bierglases dahin bringen, dass sie von selbst oder durch angebrachten leichten Druck schnell zurücktreten. Noch wirksamer ist eine zu diesem Zwecke vom Dr. Clemens in Frankfurt a. M. angegebene kleine Luftpumpe (s. dess. Schriftchen: Die Luftpumpe etc. 1839), womit er mehrere Brucheinklemmungen schnell und ohne blutige Operation gehoben hat.

Bei den Gefühlen von Angst, Herzklopfen, von Kälte in den Gliedern und im Gesichte, welche den Krampfanfällen Hysterischer, der Veitstanzkranken, der Hypochonder, der an Herzkrankheiten und anderen Nervenübeln Leidenden oft vorhergehen, sind zwei bis vier trockene, in die Herzgrube und in die Gegend des Herzens selbst applizierte trockne Schröpfköpfe ein schönes beruhigendes Mittel, was nicht selten den Anfall selbst verhütet (Most).

Trockene Schröpfköpfe, in die Magengegend oder auf den Rücken gesetzt, wirken auch bei der krampfhaften Engbrüstigkeit (Asthma spasticum) Erwachsener, noch mehr der Kinder, die oft periodisch zur Nachtzeit eintritt, und die Kranken zu ersticken drohet, sehr wirksam. Hat man in der Eile keine Schröpfköpfe, so kann, wie dies Halle (Diction. des sciences medicales T. 19. p. 239) anrät, dazu jedes Glas dienen; man bestreicht die innere Fläche desselben mit einem Tropfen Alkohol oder starkem Branntwein, zündet ihn an und setzt das noch inwendig brennende Glas auf (s. auch Osiander l. c. p. 167).

Außer der Zeit der genannten Anfälle ist folgender Tee, kalt getrunken und damit zwei bis drei Wochen kontinuiert, sehr anzuraten.

Nr. 37. Nimm: Wacholderbeeren, Angelikawurzel, von jedem zwei Quäntchen, Fenchelsamen, Sennesblätter, von jedem ein halbes Quäntchen. Eine solche, für einen Erwachsenen bestimmte Portion wird mit drei bis vier Tassen kochendem Wasser infundiert und tagüber kalt oder lauwarm getrunken.


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