Branntwein. Spiritus

Branntwein. Der gewöhnliche Kornbranntwein (Spiritus frumenti), besteht aus 36—40 Prozent Spiritus (Alkohol vini, Spiritus vini rectificatissimus) und das übrige Wasser; eben so stark ist der Franzbranntwein (Spiritus vini gallicus), der Rum (Spiritus saeckari) und der Arrak (Spiritus oryzae). Von allen Arten Branntwein ist der Franzbranntwein der beste und unschädlichste; dann folgt der Kornbranntwein, am schlechtesten ist der Kartoffelbranntwein. Sie alle, so wie auch die gebrannten Wasser, die Liqueurs, Tafelliqueurs (d. i. Branntwein mit Zucker und Gewürzen, und der Arrak, Cognak, Rum) enthalten, wie oben angezeigt, mehr oder weniger Alkohol oder Weingeist, weshalb sie aufregen und, in Menge genossen, Trunkenheit bewirken. Zu langer, täglicher und übermäßiger Genuss dieser Getränke zerstört das Verdauungsvermögen, schwächt den ganzen Körper, stumpft den Geist ab, macht verrückt und kann zuletzt zu physischer und moralischer Verworfenheit führen. Aus diesem Grunde sind die gegen die Branntweinpest gerichteten Mäßigkeits-Gesellschaften des In- und Auslands sehr verdienstliche Anstalten. Wir betrachten indessen hier diese geistigen Getränke nur aus dem Gesichtspunkt der Volksarzneimittel.

1) Zur Zeit der in Deutschland herrschenden exotischen Cholera, welche auch Rostock im J. 1832 heimsuchte, wurde von hohen Medizinal-Kollegien zwar strenge der tägliche Genuss der Spirituosa, auch des Biers, verpöhnt. Indessen blieben einzelne notorische Gewohnheitssäufer bei ihrer alten Unsitte; sie tranken täglich ihre gewohnte Quantität Branntwein oder Rum, und sie blieben von der Seuche verschont. Andere dagegen, die durch jene einseitigen Medizinal-Vorschriften und Warnungen in Furcht gerietheil, entzogen sich des künstlichen Reizes, welchen die Spirituosa verschaffen, — sie wurden von der Krankheit ergriffen und starben. — Noch andere, nichts weniger als Säufer, fühlten sich von der Cholera befallen; sie griffen aus Angst und Kälte zur Branntwein- oder Rumflasche, entleerten sie zum Teil in kurzen Intervallen, fühlten sich darnach wärmer, erquickt, weniger angst, und das Erbrechen und Purgieren minderte sich; auch konnten sie wieder Harn lassen. Einzelne solcher Cholerakranke, welche eine halbe bis eine Flasche Rum oder Branntwein binnen ein bis zwei Stunden entleert hatten, fand ich, obgleich sie in gesunden Tagen nicht ein Viertel des Quantums hätten vertragen können, merkwürdiger Weise ganz nüchtern und in der Besserung; denn tierische Wärme und Blutumlauf hatten sich wieder eingestellt, und es bedurfte nur geringer Nachhilfe, um sie schnell völlig wieder gesund zu machen.

2) Als Schutzmittel gegen diese Cholera, sowie gegen Wechselfieber in sumpfigen Gegenden, gegen andere ansteckende Krankheiten: Pest, gelbes Fieber, Fleckfieber; gegen Skorbut etc. ist starker Branntwein, worin Zimt, Nelken, Muskatnuss, Gentian etc. befindlich, täglich zwei bis drei Mal ein kleines Glas voll getrunken, nach eigenen und fremden Erfahrungen sehr anzuraten. Dieselben Dienste, wie dieser Gewürzbranntwein, leistet guter Rum, Cognak, Arrak etc., wenn man ihn mit jenen Gewürzen bereitet.

3) Auf meinen früheren Reisen za Wasser und zu Lande habe ich öfters die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, welche sich im schlechten Wetter und wenn sie durchnässt reisen mussten, der Spirituosa, besonders des Branntweins und Rums bedienten, viel seltener durch Erkältung erkrankten (an Bräunen, Lungenentzündung, Relssen in den Gliedern, rheumatischem Kopf- und Zahnschmerz litten), als jene, die bei Mangel an Wein den Schnapps verschmähten, und somit auch nicht in die notwendige Erwärmung und schnelle Transspiration gelangten.

4) Ärzte und Laien wissen, dass kein Mittel in der Welt den Ermatteten, Ohnmächtigen, durch Blutsturz Geschwächten, so sehr erquickt, neu belebt und erstärkt, als ein oder zwei Gläser guter Wein. Wo aber auf dem Lande oder auf Reisen dieser nicht zu haben und dennoch wegen großer Erschöpfung, Verblutung, der Tod zu befürchten ist, da ersetzt der Branntwein, Rum oder jedes andere Spirituosen, mit gutem Trinkwasser vermischt, den Wein. (S. Blutstillende Mittel S. 92.)

5) Gegen Blähungen besitzt der Landmann oft kein anderes Hausmittel als Branntwein, der besonders mit Kümmel, Anis, Kalmus Nelken etc. bereitet, hier recht wirksam ist.

6) Äußerlich findet der Branntwein beim Landvolk vielfache Anwendung als Waschmittel, zu Einreibungen, Umschlägen etc. gegen Quetschungen, Verstauchungen, Verrenkungen, gegen Gelenkschwäche. Hier ist folgender Spiritus, sobald der leidende Teil nicht mehr sehr rot, entzündet und geschwollen, sondern nur grün und gelb aussieht und geschwächt ist, zu empfehlen:

Nr. 45. Nimm: geschabte weiße Seife ein halbes Pfund, Kampfer zwei Lot, guten Kornbranntwein ein und ein halbes Mass. Man setzt das Ganze 48 Stunden in die Sonne oder die Nähe des Ofens, und wäscht damit zwei- bis dreimal täglich den geschwächten Teil. In Westfalen gießt man auf drei Lot Wacholderbeeren ein Maß Branntwein, lässt dieses in der Wärme 24 Stunden stehen und wäscht skrofulösen und rachitischen, an der Darrsucht leidenden Kindern täglich ein- bis zweimal den ganzen Rücken und die Glieder damit. Gegen leichte Verbrennungen stillt nichts schneller die Schmerzen als Umschläge von Branntwein, noch besser von Weingeist. Auch das unerträglichste Hautjucken wird durch Waschen mittels eines in Alkohol getauchten Schwammes schnell vertrieben. (S. Osiander l. c. p. 560) Nach Camper und Osiander (p. 345) soll nicht allein der Wein, auch der Branntwein in kleinen Portionen rachitischen Kindern gut bekommen (?). Indessen gesteht Rambach (Versuch e. phyg. med. Beschreibung von Hamburg S. 152), nachdem er der Sitte der Dänen, selbst Säuglingen Kaffee mit Branntwein zu geben, tadelnd gedenkt, einen Fall beobachtet zu haben, wo der Branntwein einem Kind nicht nur unschädlich, sondern offenbar heilsam war. "Ein elternloser Knabe hatte die englische Krankheit Diesen nahm ein alter Säufer zu sich und stellte ihn durch Branntwein In kurzer Zeit so vollkommen her, dass alle, die das schwache Kind vorher gekannt und ihm alle Hoffnung zur Genesung abgesprochen hatten, darüber sich wunderten. Nur hat sich dabei derselbe an das Branntweintrinken gewöhnt und trinkt jetzt, wo er sechs Jahre alt ist, täglich ein Spitzglas voll. Er befindet sich indessen sehr wohl dabei, und ist eins der lebhaftesten und naivsten Kinder, die ich je gesehen habe."

7) In den feuchten, niedrigen Gegenden Holsteins und Schleswigs, Seelands, Lalands ist Kaffee mit Branntwein, der dort sogenannte Kaffeeknecht, ein tägliches Getränk bei den Bauern und deren Knechten und Mägden. Ja letztere machen es bei der Vermietung ihrem Dienstherrn oft zur Bedingung, dass er ihnen täglich zwei oder dreimal den Kaffeeknecht geben muss. Dass dieses Mittel vor den nachteiligen Einwirkungen der feuchten Ausdünstungen der Sümpfe, (welche bekanntlich am schädlichsten nach Überschwemmung der See, wo Salz- und Brachwasser sich vermischen, sind) und so vor den bösartigen Wechselfiebern schütze, ist bekannt. Nach des Prinzen Max. v. Neuwied's (Reise nach Brasilien. Bd. I. S. 320) Versicherung ist der Branntwein durchaus nötig, um gegen das in manchen Gegenden von Brasilien einheimische Fieber zu schützen.

8) Bei dem Landvolk in Westfalen, Hannover, Schaumburg, Waldeck etc. ist der Branntwein nicht allein ein Schutz-, sondern auch Heilmittel gegen kalte Fieber. Man nimmt einen Teelöffel voll gestoßenen schwarzen Pfeffer, oder einen Esslöffel voll frisch ausgepressten Saft von Wermut, Bitterklee u. a. bitteren Mitteln mit einem Schnaps guten Kornbranntwein kurz vor dem Anfall ein, wodurch das Fieber oft vertrieben wird.


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