Blutegel. Hirudines

Blutegel (Hirudines). Diese Tiere, welche bekanntlich in manchen schlimmen örtlichen Entzündungen, hei Bräunen, zumal bei dem Croup vollsaftiger Kinder, bei Entzündungen der Augen, Ohren, des Halses, der Brust, zu Anfange des sog. Fingerwurms (Panaritium), sehr schmerzhafter, entzündlicher Hämorrhoiden u. s. w. als örtlich Blut entziehende Mittel oft das Leben retten, werden mit Unrecht von Nichtärzten, besonders in den höheren Klassen, schon bei jeder leichten Erhitzung des Körpers, bei Blutandrang zum Kopf u. s. w. als Hausmittel ohne Rat des Arztes gebraucht. Ja, unter den Bauerndirnen in Westfalen ist es Sitte, mit bloßen Füßen in Blutegelteiche zu gehen und daran so viele derselben saugen zu lassen, als gerade in der Nähe sind, — ein Mittel, das sie gegen unterdrückte Regeln als wirksam kennen, oft aber ihnen durch zu großen Blutverlust oder noch dadurch schadet, dass auch die Pferdeegel, unechten Blutegel, ansaugen, welche durch ihren Biss Röte, Geschwulst, Entzündung und Eiterung an den Bissstellen erregen. — Dasselbe erfolgt, wenn, was indessen selten geschieht, der echte, aber kranke Blutegel zum Ansaugen gebraucht wird. Die vorzüglichsten Krankheiten dieser Tiere sind aber: die Gelbsucht, die Knoten- und Schleimkrankheit. (S. Most, Staatsarzneikunde, Artikel Hirudo medicinalis.)

Der echte medizinische (braune oder deutsche) Blutegel (Hirudo medicinalis) ist dunkelbraun und schwarz, hat sechs Bänder auf dem Rücken, die mittelsten bilden zum Teil ununterbrochene, gerade, braungelbe Linien; die zwei folgenden sind mehr oder weniger unterbrochen und geteilt und bilden kettenartige Streifen mit samtschwarzen Flecken in den Gelenken. Die zwei äußersten bilden den Rand des Leibes, schlagen sich zur Hälfte zur Bauchfläche um und werden auf dem Rücken von einer, aus kleinen schwarzen Punkten bestehenden Linie begrenzt. Der Bauch ist olivengrün und stark mit unregelmäßigen schwarzen Flecken besäet. Die beste Zeit, sie zu fangen, ist der Frühling und Herbst, nicht der Sommer. — Der Rossegel oder Vielfraß (Hirudo Gulo Brown., Hirudo sanguisuga Linn., Haemopsis Sanguisorba Sav.) ist zwar von gleicher Länge, wie der echte medizinische Blutegel, ist aber mehr grünlichschwarz auf dem Rücken und ihm fehlen gänzlich die Linien, Bänder und Ketten des erstem, und sein Bauch ist grünlich und fast gar nicht gefleckt.

Gegen heftige Zahnschmerzen mit Geschwulst des Zahnfleischs gebrauchen unsere Damen nicht selten ein bis zwei Blutegel, welche sie sich an das Zahnfleisch in der Nähe des kranken Zahnes setzen lassen, worauf meist die Schmerzen schnell vergehen. Bei dieser Gelegenheit kann es sich ereignen, dass ein Blutegel verschluckt wird und, im Magen angelangt, hier durchs Saugen schlimme Zufälle erregt. Ein sicheres Mittel, das Tier im Magen ganz unschädlich zu machen und zu töten, ist dieses: Man trinke gleich nach dem Verschlucken des Tierchens alle Viertelstunde ein Glas Salzwasser; ist dies dreimal geschehen, so nehme man Rizinusöl, zwei Esslöffel voll, zum Abführen ein. Auch das Trinken von reinem Öl oder von Essig mit Rettichsaft, oder von reinem Essig wird dagegen empfohlen. (S. Osiander a. a. O. S. 460).

Bei manchen Personen, zumal bei zarten Frauen und Kindern, bluten die Stellen, wo die Blutegel angebissen und gesogen haben, stundenlang nach und verursachen erschöpfende Nachblutungen, die kleinen Kindern mitunter selbst tödlich geworden sind. Man stillt solche Blutung dadurch, dass man einen Schwamm mit Essig und kaltem Wasser über den Bissstellen ausdrückt, diese trocknet und schnell ein Stück Feuerschwamm, noch besser den in den Apotheken käuflichen trockenen präparierten Zunderschwamm auflegt, worüber ein gutes Heftpflaster, an den Gliedern oder wo es sonst angeht, auch Kompresse und Binde appliziert wird. Steht die Blutung dann noch nicht, so muss ein Sachverständiger die Stelle leicht mit Höllenstein betupfen oder, was das sicherste ist, mit einer feinen silbernen Nadel und Zwirnsfaden dieselbe zunähen.

Wollen die Blutegel nicht gut anbeißen, so bestreicht man die Hautstelle mit etwas Schweinefett oder Zuckerwasser, Zucker und Milch, und legt jedem einzelnen Blutegel, der in ein kleines Zylinderglas gebracht worden, ein Stückchen Zwiebel auf den Leib; darauf hält man die Öffnung des Glases an die gewählte Hautstelle, — ein bekanntes und den Zweck schnell erfüllendes Hilfsmittel in Rio de Janeiro. — Bei den oft hohen Preisen der Blutegel ist es ratsam, dieselben nicht, nachdem sie gesogen, wegzuwerfen, sondern zu konservieren. Man streue ihnen ein wenig Kochsalz auf den Schwanz und lege sie in ein leeres Gefäß, so geben sie das Blut bald von sich. Alsdann lege man sie in eine Mischung aus Weinessig und Wasser, so werden sie nach 10—20 Stunden zum zweiten Mml anbeißen und vollkommen ihren Zweck erfüllen.


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