Binden der Glieder, Gliederumschnürung

Binden, das, der Glieder, Gliederumschnürung. In der Wesergegend heilte ein Bauer im Jahre 1810 mehreren Personen das Wechselfieber dadurch, dass er die Arme und Beine des Kranken, über Ellenbogen und Knie, bei den ersten Vorboten des Frostanfalls mit zwei bis drei Zoll breiten starken Bändern recht fest binden ließ, wodurch das Blut weniger nach den inneren Teilen dringen kann, sondern teilweise mehr in den Gliedern zurückgehalten wird. Tritt ein bedeutendes Gefühl von Eingeschlafenheit und Taubheit der Glieder ein (Narcosis), so ist es Zeit, die Bänder zu lösen. — Diese Umschnürungen der Glieder (auch als Volksmittel gegen Blutungen bekannt), wodurch der Anfall ganz verhütet oder doch sehr vermindert wird, machte Bourgery (Quelques faits sur l'emploi des ligatures des membres dans la plupart des maladies periodiques. Paris 1827, und Graefe und Walther's Journal der Chirurgie u. s. w., Bd. 11, Heft 2, 1828) als etwas Neues bekannt. (!) In der Regel lässt man sie eine halbe Stunde lang liegen und löst sie dann allmählich von allen vier Gliedmassen in Zwischenräumen von je drei bis vier Minuten. — In England, zumal in Wales, ist dieses Binden der Gliedmassen auch schon längst ein Volksmittel, welches indessen nach eigenen Erfahrungen nur leichte kalte Fieber heilt, dagegen bei den schlimmen Fällen wenigstens die Heftigkeit und Dauer der einzelnen Anfälle vermindert, was ja auch schon von Wert ist.

Osiander (a. a. O. p. 249—269), der 115 teils äußerliche, teils innerliche Volksmittel gegen kalte Fieber aufzählt, hat dabei der Ligaturen nicht gedacht, wohl aber bei den Mitteln gegen die Fallsucht. "Festes Binden des Gliedes, von dem die Aura epileptica ausgeht, ist — sagt er — zuweilen im Stande, den Ausbruch der epileptischen Zuckungen abzuwenden; nur will man gefunden haben, dass der nächste Anfall mit größerer Heftigkeit eintritt." Dasselbe bestätigen auch meine eigenen Erfahrungen. Der Kranke bekommt darnach in der Regel ein so unangenehmes Gefühl von Angst und Brustbeklemmung, dass er es vorzieht, den Anfall sich einstellen zu lassen, und deshalb, wie ich dies einige Mal beobachtet, sich heimlich das Band vom Gliede löst.

Unter den zahlreichen Volksmitteln gegen Fallsucht und Wechselfieber sind viele ganz ohne alle pharmazeutische Wirkung, sie heilen dennoch in leichten Fällen mitunter diese sogenannten Neurosen oder Nervenübel, weil an ihnen eine magnetische oder sympathetische Kraft haftet, ausgegangen von dem Heilenden, welche oft allein ausreicht. (S. Most, G. F., sympathetische Mittel und Kurmethoden. Rostock 1842, Cap. 4). In mehr als hundert Fällen habe ich solche sympathetische Heilmittel (das Abschreiben des Fiebers, die Transplantation u. s. w.) gegen Wechselfieber wirksam gefunden, und zwar bei Kranken aller Art und aus den niedern und höhern Ständen. Das sympathetische Mittel bestehe nun, worin und woraus es wolle, so hilft es, wenn der Kranke daran glaubt oder wenn er nur denkt, dass man Sympathie gebrauche. In dieser Gegend von Norddeutschland ist das sogenannte Abschreiben ein solches Mittel. Man schreibt Namen und Alter des Kranken auf, und damit Punktum. Eine hiesige vornehme Dame leidet seit drei Wochen an der Tertiana, die der Hausarzt vergebens mit China, Chinium sulpharicum, u. s. w. zu bekämpfen sich bemühet. Sie erfährt, dass ein Mann in Stralsund das Fieber durch Sympathie (welche? das wusste sie nicht) heilen könne; sie schreibt an diesen Mann und schickt den Brief durch Gelegenheit mit einem Kaufmann hin. Dieser ist nach Verlauf von zehn Tagen zurückgekehrt. Sie bedankt sich bei ihm für die gütige Besorgung des Briefes, indem schon vier Tage das Fieber ausgeblieben sei. Der Kaufmann hatte den Brief aber vergessen, denn er fand sich noch in seiner Brieftasche, verschwieg aber wohlweislich seine Nachlässigkeit und — das Fieber kam nicht wieder.

Ein Schultheiss in einem benachbarten Dorf unweit Rostock stand in großem Ruf, das Fieber abzuschreiben. Er half durch diese Sympathie vielen Landleuten. Eine Frau in dem nahen Kirchdorf leidet auch am Wechselfieber. Der eine Sohn des Schulzen geht zur Kirche, wo ihn die Frau beauftragt, dem Vater zu sagen, dass er ihr das Fieber abschreiben möge. Der Knabe verspricht es, vergisst es aber zu bestellen. Nach einigen Tagen schickt die Frau, weil ihr das Fieber ausgeblieben, dem Schulzen einen Schilling, das gewöhnliche Honorar für seine Mühe.

Dass der Grund der Sympathie nicht bloß im Glauben und in der Einbildung liege, beweist der Umstand, dass auch kleinen zweijährigen Kindern, wie ich bestimmt weiß, durch Sympathie vom Fieber geholfen worden ist. Hier, sowie bei sympathetischer Heilung kranker Tiere, bleibt nichts anderes übrig, als ein materielles Agens, vielleicht durch Willenskraft, Nervenäter, Transspirabile u. s. w. angeregt, zu statuieren, welches dynamisch aufs Ganglien-Nervensystem, als den Sitz des Leidens, heilkräftig einwirkt.

Folgendes Mittel gegen Wechselfieber teilte ein Reisender als sympathetisches Osianderen (a. a. O. p. 249) mit. Einem Kranken, der lange vergeblich Arzneien gegen das Fieber eingenommen, riet ein Quacksalber, einen lebendigen Frosch, dem die Haut abgezogen worden, auf die Handwurzel innen festzubinden. Die Fieberanfälle seien darnach von Stunde an ausgeblieben.

 


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