Zeitfolge im Syllogismus


Um doch ein wenig fortzuschreiten, will ich nun hier, bei dieser dritten Figur, eine allgemeine Bemerkung einfügen über die Zeitfolge in der Denkoperation des Syllogismus. Wir sehen jetzt schon gewiß im einzelnen bestätigt (weil doch die vierte Figur durch Jahrhunderte unbekannt war, ohne den Menschen zu fehlen), dass das angebliche Ergebnis der Schlußfolgerungen jedesmal der entscheidenden Prämisse in der Zeit vorausgeht. Wir wußten das längst. Denn auch der Schlußsatz war ja schon in dem Begriff seines Subjekts enthalten, und der Mittelbegriff wäre bestenfalls, falls man ihn zur Besinnung gebraucht hätte, nur die Erinnerung an eine zurückgelegte Station in der Begriffsbildung gewesen. Oder umgekehrt. Nun aber wollen wir der wirklichen Zeitfolge in solchen Denkoperationen etwas allgemeiner nachforschen, nämlich psychologisch.

So wie das Schema eines Syllogismus auf das Papier geschrieben oder gedruckt wird, geht es in regelmäßigem Rhythmus von 1 zu 2 und dann zu 3 über. Es besteht im Gedankengang des Logikers ohne jede Frage eine zeitliche Aufeinanderfolge, in welcher der Untersatz auf den Obersatz folgt und der Schlußsatz — nach einer kleinen Kunstpause — auf den Untersatz. Kann aber irgend ein Kopf von moderner naturwissenschaftlicher Bildung auf den ganz perversen Einfall kommen, dass im wirklichen Denken unseres Gehirns eine solche Zeitfolge stattfinde? Vor allem wird für die Zeitfolge des Untersatzes nach dem Obersatz mir das Blödsinnige dieses Gedankens ohne weiteres zugestanden werden. Offenbar war es bis zur Stunde ein bildlicher Ausdruck, wenn dieses Verhältnis eine Zeitfolge genannt wurde. Die beiden Prämissen "alle Fische leben im Wasser" und "die Wale sind keine Fische" sind doch ohne Zweifel als Erinnerungen, als Begriffsdefinitionen gleichzeitig im Gehirn enthalten, und es hängt einzig und allein von der Erregung der Aufmerksamkeit ab, ob der eine oder der andere Satz früher ins Bewußtsein fällt. Ein viel besseres Bild des Verhältnisses wäre also das räumliche Bild des Nebeneinander. Die Seele in höchst eigener Person muß doch irgendwann einmal die beiden Prämissen nebeneinander betrachten und vergleichen können, um überhaupt zu ihrem Schlußsatze zu kommen. Darüber aber möchte wohl, so werden die eingefleischten Logiker sagen, einige Zeit vergehen, bis aus der Vergleichung der Schlußsatz hervorgehe, und darum sage man mit Recht, er folge den Prämissen oder er folge aus den Prämissen, welch letzterer Ausdruck dann sofort seine Bildlichkeit verrät. Wie man sieht, denke ich mir unter meinem eingefleischten Logiker schon einen besseren Kopf, dem das Metaphorische in den Begriffen Schluß und Folge klar geworden ist.

Nun will ich davon absehen, dass ich theoretisch und durch Beispiele bewiesen zu haben glaube, dass der Schlußsatz seinen Prämissen immer vorausgeht. Angenommen aber, ich hätte noch gar nichts bewiesen, so will ich jetzt nur daran erinnern, dass wir vor kurzem erst gesehen haben, wie die ganze Denkoperation des Schließens erst dann vorgenommen werde, wenn deutlich oder undeutlich nach der Richtigkeit oder Wahrheit des Schlußsatzes gefragt worden war. Zwischen der Frage und ihrer Bejahung ist gewiß ein Unterschied. Ich sage, der Mensch beantworte die Frage unmittelbar aus seiner Erinnerung oder aus seinem Sprachschatze heraus; der Logiker sagt, der Mensch beantworte die Frage nach einem schulgerechten Syllogismus. Auch der Logiker aber wird in guter Behandlung zugeben müssen, dass die Frage früher da sei als der ganze Syllogismus. Die Aufstellung der Frage bedeutet aber nichts Anderes als die Richtung der Aufmerksamkeit auf den Inhalt des Schlußsatzes. Diese Richtung der Aufmerksamkeit geht also bestimmt in der Zeitfolge der Denkoperation voraus, und da sie das Wesentliche der Denkoperation enthält, so scheint mir auch von diesem Gesichtspunkt aus der Syllogismus eine traurige, nachhinkende Rolle zu spielen. Auch die Kugel aus der Büchse trifft die Scheibe in der Zeitfolge erst nach der Tätigkeit des Zielens; aber der Schütze richtete seine Aufmerksamkeit auf das Zentrum der Scheibe, bevor er zielte, wenn auch noch so kurz vorher.

Hierzu bemerke ich ohne weitere Ausführung, dass die kindliche Vorstellung einer Zeitfolge der Prämissen bei der Einteilung des Syllogismus in die vier Figuren ganz ernsthaft und sogar scharfsinnig zugrunde gelegt worden ist. Man schließe daraus logisch auf den Wert dieser Einteilung.  


 © textlog.de 2004 • 24.03.2017 20:55:02 •
Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
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