Unpersönliche Sätze


Doch zurück zu dem Verhältnisse von Urteil und Begriff. Diese für mich nicht humorlose Entdeckung, dass das Urteil oder der Satz eigentlich ein Rückschritt vom Begriff zum Sinneseindruck ist, möchte ich noch belegen durch eine Satzform, welche unseren Grammatikern und Logikern seit vielen Jahren unnötige Kopfschmerzen gemacht hat. Ich meine den unpersönlichen Satz, z. B. es donnert, es blitzt, es stinkt. Unsere Sprache ist so sehr an die Kategorien von Nomen und Verbum, von Subjekt und Prädikat gewöhnt, dass sie den einfachsten Sinneseindruck gar nicht mehr anders, als durch einen vollständigen Satz beschreiben kann. Die alten Sprachen (soweit wir von ihnen wissen) begnügten sich noch mit der symbolischen Verbalendung, die auf ein unbekanntes und unausgesprochenes Subjekt hinwies; die neueren Sprachen sind noch schablonenhafter geworden und müssen das sogenannte unpersönliche Fürwort "es" anwenden. Olet, es stinkt. Wir dürfen wohl glauben, dass in Urzeiten dieser einfache Sinneseindruck noch ohne Verbalendung ausgedrückt wurde, so wie auch heute noch eine Interjektion (z. B. pfui Teufel) oder eine Geste unter Umständen genügt. Immer ist es eine schablonenhafte Nachahmung anderer Satzformen, wenn so der einfachste Sinneseindruck durch Subjekt und angepaßtes Prädikat beschrieben, breitgetreten wird. Dass aber so ein unpersönlicher Satz einen einfachen Sinneseindruck in mehreren Worten beschreibt, ist nur deutlicher als der ähnliche Charakter anderer Sätze. Auch der Satz "der Schnee ist weiß" will die Aufmerksamkeit nur auf die Empfindung "weiß" lenken; und wenn das Ding, das diese Empfindung erregt, entweder selbstverständlich oder unbekannt ist, dann wird der Sprecher wohl auch kurz sagen "es ist weiß" oder "da ist etwas Weißes".

Auch hier möchte ich hervorheben, dass die menschliche Sprache als Umgangssprache der wissenschaftlichen Erkenntnis mitunter um Jahrhunderte nachhinkt. Wer z. B. in einem Pferdebahnwagen den Erreger oder die Art eines Mißgeruchs noch nicht erkannt hat, der darf wohl den unpersönlichen Satz bilden "es stinkt"; hat er aber einen alten Käse als Ursache seiner Empfindung erkannt, so wird er gewiß entweder das erzählende Urteil bilden "Hier stinkt ein alter Käse" oder gar sich zu dem wissenschaftlichen, erklärenden Urteil erheben: "alter Käse stinkt".

Auf diesen Typus lassen sich alle unpersönlichen Sätze zurückführen. Es sind elektrisch geladene Wolken, die blitzen und donnern; aber die Umgangssprache hat sich immer noch nicht daran gewöhnt, elektrische Wolken ebenso wie alten Käse zum Subjekt eines Verbums zu machen. Die Umgangssprache steht unter dem Konjugationszwang; aber auch die Urteile der wissenschaftlichen Sprache würden ihr logisches Zurückbleiben hinter den Begriffen deutlicher verraten, stünden wir nicht unter dem allgemeinen grammatischen Zwang, der denn auch den Satz höher stellt als das Wort.

 

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 © textlog.de 2004 • 25.03.2017 22:45:09 •
Seite zuletzt aktualisiert: 29.05.2006 
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