Tautologie


Was ist ein Dampfschiff? "Ein Schiff, das durch Dampfkraft fortbewegt wird." So ist unser berühmtes Denken beschaffen; der eine macht es schlauer, der andere dümmer, es ist aber immer dasselbe.

Ich sehe ordentlich, wie der Logiker sich lachend die Hände reibt bei dem Schulschnitzer, den ich soeben gemacht zu haben scheine. Er braucht sich mit einem solchen Ignoranten, wie ich es bin, gar nicht erst abzugeben. Ich wisse ja gar nicht, dass die Tautologie zu den Fehlern der Definition gehöre; mein Satz "Dampfschiff ist ein Schiff, das durch Dampfkraft fortbewegt wird" sei ja ein Musterbeispiel für eine fehlerhafte Definition.

Nun, ich dagegen behaupte, dass jede Definition mit diesem Fehler behaftet ist; oder vielmehr: dass die Definition gar nichts Anderes ist als eine tautologische Auseinanderlegung ihres Begriffs. Ich hätte ja in meinem Beispiel die wörtliche Tautologie (idem per idem) leicht verhüllen können. Ich konnte sagen: "Ein Dampfer ist ein Schiff (oder: Ein Dampfschiff ist ein Wasserfahrzeug), Welches durch die Kraft des Wassers in dessen gespanntem gasförmigen Aggregatzustande fortbewegt wird." So konnte ich im ersten Teil rein äußerlich den gleichen Wortschall vermeiden, im zweiten Teil die Wiederholung des Wortes "Dampf" durch seine Definition, die natürlich wieder eine Tautologie ist, weil sie nur der versteht, der sie schon besitzt. Aber ich muß dem Logiker noch etwas ins Gewissen schieben. Hand aufs Herz, wo immer es beim Logiker sitzen mag: ist meine erste fehlerhafte Definition nicht eigentlich das, was mir ins Bewußtsein kommt, Wenn ich mich besinnen will, was ich unter "Dampfschiff" verstehe, wodurch es sich von anderen Schiffen unterscheide und — wenn ich z. B. eben den Prallschiffdampfer erfinde — welche Unterarten (Raddampfer, Schraubendampfer) es bisher unter sich begriffen habe? (Sacherklärung). Ist diese meine erste fehlerhafte Definition nicht auch das, Worauf es ankommt, wenn ich einem wißbegierigen Knaben kurz definieren soll, Was ein Dampfschiff sei? (Namenserklärung).

Die alte Regel, eine Definition müsse den Gattungsbegriff nebst dem Artunterschied enthalten (z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Rechteck), diese Regel ist die kürzeste Anweisung, musterhafte Tautologien zu sagen. Denn ein Begriff ist ja eben — wie man uns lehrt — die Erinnerung an die "Wesentlichen" Merkmale einer Gruppe von Objekten, die wesentlichen Merkmale müssen sich immer auf die einfache Formel von Gattung und Artunterschied bringen lassen; so ist zwischen dem, woran die Definition ausdrücklich erinnert, und dem, woran der Begriff erinnert, gar kein anderer Unterschied als die Betonung, die Richtung der Aufmerksamkeit. Und dieser psychologische Vorgang mußte der Logik entgehen, weil sie schon die Begriffe für klare Bilder einer felsenfesten Wirklichkeitswelt hielt und darum die Definitionen für zuverlässige, objektive Erklärungen dieser Bilder. Die Sprache aber hat keine festen Begriffe, hat keine objektiven Definitionen; jede Definition ist subjektiv, und was an ihr vordem einen Gesichtspunkt ein Fehler ist, das kann die Hauptsache sein für einen anderen Gesichtspunkt. Je nach den: Interesse, nach der Richtung des Denkens gibt es viele Definitionen desselben Begriffes. Der Bauer, der Kaufmann, der Nationalökonom, der Chemiker, jeder wird den Begriff Käse anders definieren. Der Kaufmann und der Theologe, der Jurist und der Negersklave, jeder wird den Begriff Recht anders definieren; und keiner braucht unrecht zu haben. Es ist damit wie mit einem nackten Modell im Aktsaal; ein Dutzend Schüler oder Meister zeichnen dieselbe Person ab, ein jeder, wie er sie von seiner Stelle sieht, einer von vorn. einer gar von hinten, und keiner braucht falsch zu zeichnen. Auf den Gesichtspunkt kommt es an. Und wir werden sehen, dass auch Begriffe, je nach der Aufgabe, a priori und a posteriori gezeichnet, definiert werden können und dass die Zeichnung a posteriori gewöhnlich die ernstere Aufgabe ist.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 00:08:17 •
Seite zuletzt aktualisiert: 29.05.2006 
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