Schopenhauer


Die Einteilung des zureichenden Grundes in seine vermeintlichen Arten ist von keinem Denker gründlicher besorgt worden als von Schopenhauer in seiner Doktordissertation "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde". Der Spott seiner Mutter, das Buch sei seinem Titel nach wohl für Apotheker bestimmt, war gewiß albern, aber doch nicht ganz unverdient. Denn die vier Wurzeln sind doch nur ein bildlicher Ausdruck für eine vierfache Grundlage oder einen vierfachen Grund des Satzes vom Grunde, wo es denn freilich sonnenklar geworden wäre, dass Schopenhauer selbst in dieser grundlegenden Schrift mit dem Begriffe Grund zu spielen nicht aufhört.

Lasse ich alle Mystik beiseite, so lehrt Schopenhauer in seiner Abhandlung, dass der Satz vom Grunde oder der Begriff der Notwendigkeit sich auf vier Klassen von Objekten beziehen könne: auf die wirklichen Dinge als Satz vom Grunde des Geschehens, auf unsere Urteile als Erkenntnisgrund, auf mathematische Verhältnisse als Seinsgrund und auf menschliches Wollen oder Handeln als Grund des Handelns.

Es ist unbegreiflich, wie gerade Schopenhauer selbst nicht hatte einsehen müssen, dass seine vierte Klasse von Objekten der Notwendigkeit nur eine Unterart der realen Notwendigkeit ist, also überflüssig und sogar ein arger logischer Fehler, weil da Gattung und Unterart durch zwei vermeintlich koordinierte Begriffe bezeichnet werden. Niemand hat kühner und schärfer als Schopenhauer den Gedanken ausgeführt, dass Motive auf Tiere und Menschen genau mit der gleichen Notwendigkeit wirken, wie Reize auf Pflanzen und mechanische Ursachen auf die sogenannten toten Dinge. Und es ist gerade vom Standpunkte Schopenhauers volle Konfusion, wenn er einerseits Ursache und Wirkung in der Natur durch den innerlich beobachteten Willen zu erklären sucht, wenn er jede Ursache den Willen der Wirkung nennt, und wenn er dann anderseits den innerlich beobachteten Willen als eine besondere Art von allen anderen Ursachen trennt, wenn er die Notwendigkeit des menschlichen Handelns nicht auf die allgemeine Notwendigkeit zurückführen will. Wir müssen einsehen, dass Schopenhauers "Wille" nur durch einen argen Mißbrauch der Sprache zu solchem Doppelspiel benutzt werden konnte; in meinem "Wörterbuch der Philosophie" (II. 344 ff.) habe ich die Lehre Schopenhauers eingehend kritisiert. Hier kam es mir nur auf den kurzen Nachweis an, dass seine vierte Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, das Gesetz der Motivation, zum mindesten keine Beachtung verdient.

Weniger scharf nachweisbar, aber ebenso schwer verzeihlich ist der Mißbrauch der Sprache, mit dem Schopenhauer als dritte Art des Satzes vom zureichenden Grunde den Seinsgrund aufgestellt hat, worunter er mit einem Wort die geometrischen Gesetze versteht. Ich mache einen Augenblick Halt, um nebenbei auf die Greulichkeit des Wortes "Seinsgrund" aufmerksam zu machen. Man folge mir in den Nebel, aus dem dieses Ungeheuer heraustönt. "Grund" ist doch nur ein verdunkeltes, verschwommenes Wort für Ursache, worunter wieder eine ewig für Menschen unverständliche Voraussetzung unerklärlichen Geschehens ungefähr verstanden wird. Zu diesem Worte "Grund" tritt nun der Begriff des Seins hinzu, den wir schon als das Bild vom Schatten eines Esels, den wir als eine Null kennen. Aber auch unter einer besseren Etikette als "Seinsgrund" wäre es ein Mißbrauch der Sprache, die Verhältnisse der Zeit und des Raums, wie wir sie als arithmetische und geometrische Gesetze formulieren, analog neben die Verhältnisse von Ursache und Wirkung zu stellen. So wie Geometrie z. B. in der Schule gelehrt wird, ist freilich immer eins wenigstens der Erkenntnisgrund vom anderen, folgt z. B. im gleichschenkligen Dreieck die Gleichheit der Seiten aus der Gleichheit der Winkel oder umgekehrt; folgt z. B. im Kreise die Länge der Peripherie und auch der Flächeninhalt aus dem Halbmesser oder umgekehrt. Nun hat aber gerade Schopenhauer nachgewiesen, dass die Schulbeweise nicht das Wesen dieser Raum- und Zahlenverhältnisse ausmachen, dass also die Gesetze der Mathematik nicht unter die logische Notwendigkeit fallen. Soweit hat er recht und eine geniale Anregung gegeben. Es war aber grundfalsch, für die mathematischen Gesetze eine besondere Art der Notwendigkeit zu erfinden. Man höre nur mit aufmerksamen Ohren auf die Worte, und man wird sofort erkennen, dass die Beziehungen z. B. zwischen Winkeln und Seiten der Dreiecke, zwischen Kreisen und ihrem Radius in aller Welt nichts mit den Begriffen von Ursache und Wirkung zu tun haben. Nur ungewöhnliche Stumpfheit könnte den Halbmesser für die Ursache des Kreises halten; und die Winkel sind ebensowenig Ursachen oder Gründe der Seiten wie umgekehrt. Schon dies, dass die Begriffe mathematischer Sätze sehr häufig (in guter Formulierung vielleicht immer) in einer Wechselbeziehung stehen, hätte zeigen müssen, dass diese Verhältnisse nichts mit Grund und Folge zu tun haben, denn sonst müßte nachher die Folge zum Grunde ihres Grundes, die Wirkung zur Ursache ihrer Ursache werden, was doch offenbarer Unsinn ist. Wir aber wissen, dass die Verhältnisse von Raum und Zeit nur angeschaut oder beschrieben werden können; als notwendig kann sie die menschliche Sprache nicht fassen, kaum als Bedingungen der Wirklichkeit; es geht also nicht an, für sie eine neue Art der Notwendigkeit zu erfinden.

Nach Ausscheidung dieser beiden Klassen bleibt also auch in dem tiefsinnigen Werke Schopenhauers nur noch eine Zweizahl von Notwendigkeiten übrig: Erstens die Notwendigkeit des Geschehens oder die notwendige Wirkung aus einer Ursache, zweitens die Notwendigkeit des Denkens oder die notwendige Folgerung aus einem Erkenntnisgrunde. Gibt es diese zweite Notwendigkeit wirklich, ist die Folgerung etwas Neues, das aus dem Grunde zwingend hervorgeht, wie die Wirkung aus ihrer Ursache, entstehen aus Gedanken in ähnlicher Weise neue Gedanken, so wie in der Wirklichkeitswelt aus mechanischen Bewegungen neue Gestalten, insbesondere aus reifen Pflanzen und Tieren neue Pflanzen und Tiere entstehen: — dann habe ich unrecht, dann gibt es auch Denkgesetze, dann ist die Logik eine Wissenschaft, ja dann wäre die Sprache wirklich nur die Dienerin eines sieghaften Geistes, eines selbständigen fortschreitenden Denkens. Ich könnte zwar auch dann noch meinen Grundgedanken in die dunkle Tiefe retten und sagen: Auch die Kausalität der Wirklichkeitswelt, auch die notwendigen Wirkungen aus Ursachen erzeugen vielleicht niemals Neues, denn sie erzeugen niemals Stoff oder Energie, sondern immer nur neue Formen des Stoffs oder der Energie. Aber ich glaube diese Flucht ins Unaussprechliche nicht nötig zu haben, um beweisen zu können, dass der Begriff der Notwendigkeit auf den Erkenntnisgrund nur fälschlich angewandt wird, dass das Verhältnis von Folge und Grund mit dem Verhältnis von Wirkung und Ursache gar keine Ähnlichkeit hat, die beiden Verhältnisse also nur sprachwidrig, das heißt unlogisch, unter einen gemeinsamen Begriff, unter den Satz vom Grunde zusammengefaßt werden können.

In der Wirklichkeitswelt herrscht mit lachender Grausamkeit die Kausalität oder Notwendigkeit; wir wollen damit ausdrücken, dass eine endlose Kette von der gegenwärtigen Wirklichkeit zurückgeht zu der Welt des vergangenen Augenblicks, dann zum zweitletzten und so zurück in eine unausdenkbare Ewigkeit, dass (anders ausgedrückt) die Gegenwart die Wirkung von Ursachen ist, diese wieder verursacht sind, und so endlos zurück, dass (noch anders ausgedrückt) wir bei jeder Erscheinung oder Bewegung oder Veränderung in der Natur Warum fragen, dann wieder nach dem Warum der Warum, und dass wir ein Ende dieser Frage nicht ausdenken können. Wenn wir also Grund und Ursache gleichbedeutend nehmen, so hat allerdings alles auf der Welt einen Grund.  


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