Schopenhauer


Dieses Ergebnis von wenigen Stunden Kants hat scharfsinnigen Menschen schon viel Kopfzerbrechen gemacht. Schopenhauer (Welt als Wille und Vorstellung II. 1. Bd. 10. Kapitel) bemüht sich sehr geistreich, sowohl die Scholastik als Aristoteles zu Ehren zu bringen. Er opfert die vierte Figur. um die zweite und dritte retten zu können. Seltsam ist es, dass er nach der Hauptsache, ob nämlich aus der Schlußfolgerung etwas Neues hervorgehe, nur "beiläufig" fragt. Er behauptet es, wenn auch nur gewissermaßen. Zum Beispiel :

Alle Diamanten sind Steine,

alle Diamanten sind verbrennlich.

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also: sind einige Steine verbrennlich.

Dieses Ergebnis imponiert ihm. Schopenhauer bemerkt nicht, dass an der neuen Beobachtung der Chemie (dass nämlich Diamanten reiner Kohlenstoff und darum verbrennlich seien) vom ersten Augenblicke an gerade der Umstand das Interessanteste gewesen ist. Dass die Kohle in der Form erscheinen kann, die man sonst Stein genannt hat, dass also die neue Beobachtung der Chemie eine Bereicherung und Verschärfung der Sprache war, dass aber in dem schärferen und reicheren Begriff "Diamant" dann die beiden Prämissen mitsamt dem Schlußsatze schon enthalten waren.

Wie scholastisch Schopenhauer von der Logik denkt, das verrät er weiter in seiner bilderreichen Sprache. Er kann es sich gar nicht anders vorstellen, als dass die Prämissen sich im Gehirn ganz brav und schulgerecht verhalten, wie im Lehrbuch des Logikers; alle Urteile, die wir aufgespeichert haben, werden nach ihm so lange gleichsam durcheinandergeschüttelt, bis endlich der rechte Obersatz auf den rechten Untersatz trifft, "wo diese alsbald sich gehörig stellen". Noch krasser beinahe wird der Gegensatz dieser Anschauung zu meiner Lehre, wenn Schopenhauer fortfährt: "dass der Syllogismus im Gedankengange selbst besteht, die Worte und Sätze aber, durch welche man ihn ausdrückt, bloß die nachgebliebene Spur desselben bezeichnen; sie verhalten sich zu ihm, wie die Klangfiguren aus Sand zu den Tönen, deren Vibration sie darstellen". Schopenhauer bedeutet aber darum als Logiker einen bedauerlichen Rückschritt gegen jenes Kantische Schriftchen, weil er den Beweis durch Sphärenvergleichung bewundert und das Zurückgehen auf die Begriffe selbst gar nicht gefaßt zu haben scheint. Er hat sehr viel Hochachtung vor den Urteilen, welche bei ihm als eine Art von Trapezkünstlern erscheinen, die sich geschickt aneinanderhängen und bei deren Schlußgruppe von den Zuschauern applaudiert werden muß.

Die Unsicherheit Kants, der sich eigentlich gegen die gesamte Logik empört, im Einzelnen aber nur die zweite bis vierte Schlußfigur als unnütz, spitzfindig, falsch hinstellt, diese Unsicherheit hat seine kleinen Gegner die Bedeutung der kleinen Schrift übersehen lassen. Und so glaubte Überweg (Logik, 5. Auflage, S. 343) leichtes Spiel zu haben. Er wirft Kant einfach vor, dass die Zurückführung der getadelten Schlußfiguren auf die einfache erste Figur den anderen nichts von ihrer Beweiskraft nehme, "ebensowenig, wie ein mathematischer Satz dadurch, dass sein Beweis sich auf die früher bewiesenen Sätze gründen muß, notwendig zu einem unselbständigen Korollar derselben herabsinkt". Wieder wird hier die scheinbare Analogie zwischen Logik und Mathematik zu Hilfe gerufen. Wieder wird vergessen, dass die Zahlen und Formen der Mathematik für diese Wissenschaft genau die gleiche reale Unterlage bilden, wie für die Naturwissenschaften die wirklichen Dinge und Vorgänge der Natur. Der Pythagoreische Lehrsatz verhält sich zu den Quadraten über den Seiten des Dreiecks nicht wie eine logische Regel zu ihrer Anwendung, sondern wie der Begriff Schwerkraft zu den Erscheinungen der Schwerkraft. Der Pythagoreische Lehrsatz ist eine in Worten ausgedrückte Zusammenfassung einer Tatsache, wie der Begriff Schwerkraft ein zusammenfassendes Wort ist. Aus der Wahrheit und Notwendigkeit mathematischer Sätze kann also für die Logik ebensowenig bewiesen werden, wie aus der Richtigkeit und psychologischen Notwendigkeit der Begriffe Metall, Hund, Planet und dergleichen. Ob unsere Gedanken über Planeten, Metalle, Hunde und die Beziehung der Dreieckseiten aus Beobachtungen direkt entstehen oder aus logischen Regeln, darum handelt es sich, nicht darum, ob die logischen Regeln äußerlich den mathematischen Beobachtungen nachgeahmt werden.

Der Vergleich Schopenhauers, der des sprachlichen Ausdrucks der Denkoperationen mit den Chladnischen Klangfiguren aus Sand, ist geistreich wie gewöhnlich; hätte Schopenhauer aber bemerkt, dass das Bild mehr war als ein Vergleich, so hätte er seine scholastische Logik nicht aufrecht erhalten. Und hätte Kant die Klangfiguren der Sprache durchschaut, so hätte er auf seinem Wege schon damals zu der Erkenntnis kommen müssen: unser gesamtes Denken sei unlogisch, sei nur Sprache oder Erinnerung an Sinneseindrücke, alle Denkoperationen seien nur eine aufmerksame Besinnung innerhalb unserer Erinnerungen. Das ist ja eben die Lehre der neueren Naturwissenschaft, dass es in der Wirklichkeitswelt nur Bewegungen gebe und dass es für die Wirklichkeitswelt ganz gleichgültig sei, ob unsere Augen die Bewegungen als Sandfigur, ob unsere Ohren sie als Klang wahrnehmen. Mit einiger Phantasie kann ich mir eine Sprache ausdenken, welche durch den erregten Klang die Sandfigur bezeichnet. Dann besäßen wir für einen kleinen Bezirk mathematischer Figuren eine natürliche Sprache. Käme dann hinterher ein Naturforscher und würde sich höchlich darüber wundern, dass die Vibrationen des Klanges im Ohre dieselben seien, wie die Vibrationen der Metallplatten, auf denen die hervorgerufenen Sandfiguren entstanden sind, so wäre er ebenso unweise, wie Schopenhauer war, da er den Gedankengang von seinem sprachlichen Ausdruck unterschied.

 

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