Einzelne unmittelbare Schlüsse


Nachdem ich allgemein dargetan habe, dass die unmittelbar-vermittelte Sätze, die Schlüsse aus Einzelurteilen, das ist die sogenannten unmittelbaren Schlüsse durchaus nicht Folgerungen, nicht ein Erschließen von Unbekanntem aus Bekanntem sind, wird es wohl überflüssig sein, die logische Einteilung der unmittelbaren Schlüsse in sieben Unterarten einzeln und besonders zu kritisieren. Nur an wenigen Beispielen möchte ich immer wieder zeigen, dass alle Schlüsse versteckte Tautologien sind und dass das sogenannte Schließen niemals etwas Anderes ist als eine Änderung des Blickpunkts der Erinnerung, ein Wechsel der Aufmerksamkeit, dass das Denken ohne Gnade an der Sprache und ihren Begriffen haftet.

Bei der Lehre von der Umkehrung der Urteile lehren die Logiker z. B., dass sich aus partikular verneinenden Urteilen ("einige Hunde sind nicht weiß") gar nichts erschließen lasse. Das wird mit Hilfe von Kreisfiguren sehr hübsch bewiesen, ist aber nicht wahr. Für gewöhnlich freilich handelt es sich um klare Subjekte und um unwesentliche Prädikate derselben. Wir wissen alle ungefähr, was wir uns unter "Hund" vorstellen, wir wissen ferner, dass "weiß" ein Zufallsprädikat ist. Dann richten wir auf die Farbe der Hunde unsere Aufmerksamkeit nicht, wir versuchen gar nicht vom Prädikate auszugehen, und darum folgern wir nichts aus der Umkehrung. Die Sache wird aber sofort anders, wenn wir einander über die Bedeutung der Begriffe belehren wollen. Aus dem Satze "einige Wasserbewohner sind nicht Fische" ergibt sich sodann der Satz "die Begriffe Fisch und Wasserbewohner sind nicht identisch", was unter Umständen ebenso wertvoll sein kann wie andere logische Schlüsse. Über diese billige Weisheit, die nichts als eine Worterklärung ist, mag lächeln, wer auf meinem Standpunkt steht; der Logiker aber müßte diesen meinen Schluß in seinem System unterzubringen suchen.

Die Logiker reiten immer noch ihr altes dictum de omni et nullo, den Satz nämlich, dass z. B. aus "alle Hunde sind Tiere" zu folgern sei "einige Hunde sind Tiere"; und ebenso aus "einige Tiere sind nicht Hunde" die Unwahrheit des Satzes "alle Tiere sind Hunde". Nun kann es ja vorkommen, dass in sophistischen Streitigkeiten die Aufmerksamkeit auf solche Kindereien gelenkt wird; aber in seiner Allgemeinheit ist das berühmte Diktum doch bettelarm.

Die Logiker kennen immer noch eine Äquipollenz, das heißt die sachliche Übereinstimmung zweier Urteile, die sprachlich verschieden sind; die Logiker schließen also aus dem Satze "jeder Hund ist ein Tier" die Neuigkeit "es gibt keinen Hund, der nicht ein Tier wäre". Hier hat schon Kant bemerkt, dass ein Fortschreiten im Denken nicht stattfinde, dass man also die Äquipollenz keinen Schluß nennen dürfe.  


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