Reallogik


Nun sucht aber die neuere Logik einen Unterschied zu machen zwischen derartigen Schlußfolgerungen, die allerdings in ihrem Obersatz schon enthalten seien, und zwischen solchen, in denen unsere Welterkenntnis dennoch durch reines Schließen vermehrt werde. Auf diesen neuen Versuch, wegen der bekannten Unfähigkeit der formalen Logik noch eine Art von Reallogik zu schaffen, muß ernsthaft geantwortet werden, damit klar werde, wie falsch die Psychologie solcher Logik ist.

Ich finde diese Behauptung der Reallogik am greifbarsten ausgedrückt in Überwegs "System der Logik" (5. Auflage S. 315); er sagt da: "Die Möglichkeit des Syllogismus als einer Form der Erkenntnis beruht auf der Voraussetzung, dass eine reale Gesetzmäßigkeit bestehe und erkennbar sei, gemäß dem Satze des zureichenden Grundes. Da die vollendete Erkenntnis auf der Koinzidenz des Erkenntnisgrundes mit dem Realgrunde beruht, so ist auch derjenige Syllogismus der vollkommenste, worin der vermittelnde Bestandteil (der Mittelbegriff, das Mittelglied), welcher der Erkenntnisgrund der Wahrheit des Schlußsatzes ist, zunächst den Realgrund der Wahrheit desselben bezeichnet."

Diese Ansicht, welche schon bei Aristoteles durch die Bemerkung "der Mittelbegriff sei die Ursache" ausgesprochen wird, ist sehr verständig. Wollte man, wie es schon die alten Skeptiker taten, die Wertlosigkeit des Syllogismus einzig und allein aus der formalen Logik beweisen, so hätte man nicht viel bewiesen. Die bisher betrachteten wertlosen analytischen Schlüsse (welche für uns ebenso leeres Wortmachen sind wie die apriorischen, analytischen Urteile) entsprechen freilich ganz genau den Regeln der spitzfindigen mittelalterlichen Logik, welche auch unsere Schullogik ist. Und im Hinblick auf diese Art von Schlüssen ist die Bedeutungslosigkeit des ganzen Verfahrens — wie gesagt — schon ziemlich allgemein zugestanden worden. Ja die Verurteilung solcher Syllogismen geht bis auf Descartes zurück und wurde von Kant ganz scharf ausgesprochen, dem sie nicht mehr ein Mittel war, die Erkenntnis zu erweitern, sondern nur ein Weg, uns durch Analyse klarer zu machen, was wir schon erkannt haben. Und ganz in unserem Sinne sagt dann später Schleiermacher: die Schlußfolgerung sei kein Fortschritt im Denken, sondern bloß die Besinnung darüber, wie wir zu den vermeintlich neuen Urteilen, dem Schlußsatze, gekommen sind oder gekommen sein können.

Kant und seine Nachfolger jedoch bewegen sich immer nur im Kreise der Logik selbst herum, finden darum außerhalb derselben keinen Standpunkt zum Überblick der gesamten Logik und können darum keine Stellung fassen zu dem oben erwähnten Rettungsversuch, zu der Lehre des Aristoteles und seiner neuesten Schüler, dass nämlich der Mittelbegriff des Schlusses zur Ursache der Conclusio werde, dass die Logik unmittelbare Erkenntnis der Wirklichkeitswelt sei. Näher kam der Wahrheit schon Descartes, als er die ganze Logik eigentlich preisgab und sich mit dem psychologischen Vorgang unserer subjektiven Gewißheit begnügte.

Denn darauf kommt es an, dass wir erkennen: Notwendigkeit herrscht nur in der Wirklichkeitswelt; all unser Denken ist nur ein Erinnern an unsere Sinneseindrücke von ihr und ein Glaube an ihre Notwendigkeit; alles Denken ist psychologisch, logisch ist nur das Schema unseres Denkens. Die Notwendigkeit der wertlosen, analytischen Schlüsse ist nur die Notwendigkeit der Identität, ist nur ein anderer Ausdruck für die Herrschaft der Tautologie im Denken oder Sprechen. Die Notwendigkeit aber, die wir der engeren Gruppe von Syllogismen beilegen, derjenigen, in der der Mittelbegriff die eigentliche Ursache sein soll, diese Notwendigkeit ist als logisches Ergebnis eine Selbsttäuschung. Notwendigkeit ist dem Sprachkritiker nicht Gesetzmäßigkeit. Allerdings müssen wir, um das klar einzusehen, daran erinnern, dass für uns der Begriff der Ursache ein mythologischer Begriff geworden ist und ebenso der Begriff der Naturgesetze. Denn nicht weniger als die Erkenntnis der Naturgesetze will die neue Reallogik behaupten.

Ich wiederhole, dass es in aller Logik und in aller Welt für das Wesen unseres Denkens keinen Unterschied machen kann, ob der denkende Kopf über ein großes oder kleines Wissen, über einen großen oder kleinen Sprachschatz verfügt. Wir haben gesehen und es wird uns allgemein zugestanden, dass die Abplattung des Mars nicht aus dem allgemeinen Satze hervorgehe "alle Planeten sind abgeplattet", sondern dass vielmehr die Beobachtung des Planeten Mars dem allgemeinen Satze habe vorausgehen müssen. Wüßten wir von den Planeten und ihrer Bewegung nichts Anderes, so stünde nichts im Wege, die Abplattung ein Gesetz der Planeten zu nennen, ein Naturgesetz. Dieser Ausdruck ist nicht üblich, weil der Sprachgebrauch das Wort "Naturgesetz" lieber für allgemeinere Formeln verwendet.

Nun hat schon vor langer Zeit Kepler die Bewegung der Planeten verglichen und dafür diejenigen Formeln aufgestellt, welche noch heute von der Astronomie als richtig anerkannt werden. Jene Formeln werden noch heute in der ganzen Welt die drei Keplerschen Gesetze genannt. Es sind Gesetze, also nach gemeinem Sprachgebrauch die Ursachen der Einzelerscheinungen. Wir werden uns gleich davon überzeugen, dass wir nicht im Ernste daran denken, diese Gesetze wirklich für die Ursache, für den Realgrund der einzelnen Planetenbewegungen zu halten. Die drei Keplerschen Gesetze sind schwerer zu verstehen und unserem Hanswurst schwerer begreiflich zu machen als der Satz "alle Planeten sind abgeplattet". Aber auch die Keplerschen Gesetze sind ebenso nur Zusammenfassungen von Beobachtungen, viel feinerer Beobachtungen freilich. Auch ein Keplersches Gesetz ist, wenn es an die Spitze eines Syllogismus tritt, nur die bequeme Prämisse, vor deren Formulierung der Schlußsatz beobachtet werden mußte. Und die Keplerschen Gesetze gehören in den Köpfen, denen sie überhaupt geläufig sind, auch schon zu den Merkmalen des Begriffes "Planet", so dass für jeden Astronomen im Begriffe "Planet" schon drinsteckt, was die Logik mit Hilfe der Keplerschen Gesetze aus ihm herausziehen möchte.

 

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