Moral und Logik


Wir sehen am Satze des Widerspruchs wieder, worin der Reiz zugleich und der Fehler der Logik besteht. Der Vergleich mit der Ethik, den ich da und dort flüchtig heranzog, betrifft das Wesen dieser gesetzgeberischen Disziplinen. So wie die Ethik aus dem Vorhandensein der Worte "gut" und "böse" das Recht schöpft, fast unbekümmert um die wirklichen Taten und Gesinnungen der Menschen ein Idealsystem von Gesetzen des Handelns aufzustellen, und dadurch als eine Logik der Geschichte erscheint, der die wirkliche Geschichte nicht entspricht — so ist auch die Logik fast unbekümmert um die wirklichen psychologischen Vorgänge in unserem Gehirn und will eine Art Moralkodex dessen sein, was man denken darf und nicht denken darf. Wie die Moral und die auf ihr basierenden Staatsutopien (bis zu dem neuesten, dem sozialistischen Staatsroman) sich an Idealmenschen wendet, an Engel, die auf dem Rund der Erde nicht wohnen — so setzt auch die Logik etwas wie Idealgehirne voraus und eine Idealsprache dazu, einen von allwissender Vernunft aufgestellten und Jedem allezeit gegenwärtigen Weltkatalog. Und noch näher berühren sich Moral und Logik: durch die Bedeutung des Interesses, welches doch die menschlichen Handlungen ebenso leitet wie das menschliche Denken, das ja eben auch nur ein leises menschliches Handeln ist. Nur dass die starken Handlungen, bei denen alle Extremitäten bewegt werden, nicht immer einen Schall erzeugen; bei den schwachen Bewegungen der Sprachorgane aber gerade die Schallerzeugung die Hauptsache ist. Diese Bedeutung, welche das Interesse für das Denken hat, lehrt uns nun, dass nicht einmal der allwissende Idealverstand Fehler gegen den Satz vom Widerspruch zu vermeiden imstande wäre; es müßte noch eine Idealmoral, eine engelhafte Selbstlosigkeit hinzukommen, damit schon bei der Begriffsbildung ein Einfiuß des individuellen Interesses ausgeschlossen wäre und so das gemeinsame Wort auch in allen Engelsköpfen ("Köpfen ohne Leib", um Schopenhauers hübsches Bild zu gebrauchen) den gleichen Sinn und Inhalt hätte. Nur für solche Engelsköpfe ohne Leib wäre die Logik mit ihren Denkgesetzen eine Wissenschaft; nur dass selbst diese allwissenden Köpfe ohne Leib wohl doch die Engelsgeduld verlören und sich Arme und Hände wünschen würden, um diese überflüssige Wissenschaft den Erfindern um die Ohren zu schlagen.

Wir aber wiederholen bescheidener nur die Bemerkung, dass es gerade die brennendsten Fragen immer sind, die die Welterkenntnis der besten Köpfe nicht zu entscheiden wagt, die sie vielmehr mit ja und nein zugleich beantwortet, dem obersten Denkgesetze vom Widerspruch zum Trotz. Auf die Frage, ob Käse ein Nahrungsmittel sei, antworten wir Europäer (die Chinesen würden nicht zustimmen) mit einem bestimmten Ja. Auf die Frage aber, ob Weltgeschichte eine Wissenschaft sei, werden die schärfsten Denker zugleich mit ja und mit nein antworten. So gelangen wir auch von dieser Beobachtung zu einer Bestätigung des Unwertes der Sprache. Denn es ist offenbar, dass wir unsere Beobachtung allgemein so ausdrücken können: eine genaue Scheidung der Begriffe oder Worte, eine strenge Befolgung des Idealsatzes vom Widerspruch, ist nur möglich innerhalb der apriorischen, wertlosen, tautologischen Urteile, der ererbten, versteinerten, das heißt wenig veränderlichen Sprache und ihren Nominaldefinitionen, also dann, wenn wir unwissenden Knaben unser kleines Nichtwissen lehren, wenn wir in der Tretmühle des Denkens stillstehend gehen; in der flüssigen Sprache der Realdefinitionen, innerhalb der aposteriorischen, sprachbereichernden Urteile und Begriffe dagegen, im Gehirn des Forschers, da stoßen sich unabweisbar die Widersprüche, und nur gegen die Logik schreitet sein Denken vorwärts.

Es hat immer unabhängige Köpfe gegeben, welche das Trügliche im Satze vom Widerspruch einsahen, wobei sie natürlich über die Höhe der Begriffsentwicklung ihrer Zeit nicht hinausgelangen konnten. Wenn Epikuros, um an diesem obersten Denkgesetz zu rütteln, das Beispiel von der Fledermaus gebraucht (Ist die Fledermaus ein Vogel? Ja und nein), so mag es uns kindisch erscheinen, weil der Begriff "Vogel" seit jener Zeit eine festere Definition bekommen hat. Es hätte aber für unsere Umgangssprache wenigstens nichts Auffallendes, die Frage, ob ein Walfisch ein Fisch sei, mit ja und nein zu beantworten. Denn das Urteil "der Walfisch ist ein Säugetier" gehört schon in das Gebiet der Schulsprache.  


 © textlog.de 2004 • 24.02.2017 13:57:57 •
Seite zuletzt aktualisiert: 29.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright