Folgerung


Diese erste Gruppe wird unter der Bezeichnung Konversion oder Umkehrung zusammengefaßt. Nach ihrer Regel soll der Logiker in der Lage sein, jeden allgemeinen Satz mechanisch in den entsprechenden Partikularsatz umzukehren. Es soll z. B. aus dem Satz "alle Hunde sind Tiere" zu folgern sein: "einige Tiere sind Hunde". Aus der Weisheit "jeder Chester ist ein Käse" folge die Weisheit "mancher Käse ist ein Chester". Selbstverständlich wende ich mich nicht gegen diese Tatsachen oder gegen ihre sprachliche Mitteilung, sondern nur gegen die logische Anmaßung, die den zweiten Satz aus dem ersten folgen läßt.

Was geht denn im Gehirn oder im Gedächtnis bei dieser unmittelbaren Folgerung eigentlich vor?

In Urzeiten der Sprache ist der Begriff oder das Wort "Tier" gebildet worden, um die Menge der freibeweglichen Organismen auf einmal ungefähr zu bezeichnen. Es scheint, dass noch zur Zeit der Bibelniederschrift der Begriff "Tier" die Vögel und Fische nicht mitumfaßte. Es ist gewiß, dass heute gerade die Fachleute nicht einig darüber sind, ob der Begriff Tier die mikroskopischen Protisten mit umfasse. Einerlei. Für den Naturforscher, aber auch für jedes Kind ist das Wort "Tier" die schwebende Erinnerung an etwas Zappliges, an lebende Wesen, die sich durch gewisse Merkmale von Pflanzen und von Steinen unterscheiden und die wieder unter sich sehr viele verschiedene Namen führen. Das Wort Tier hätte gar keinen Sinn, wäre ein leerer Schall, wenn es nicht auch den kindlichsten Kopf an Fische, Vögel, Rinder. Katzen, Hunde usw. erinnerte. Das Wort Tier wäre ein leerer Schall ohne die Erinnerung daran, dass einige Tiere Fische sind, andere Vögel, Rinder, Katzen, Hunde usw. Ein Fachmann wird das ganze System des Tierreichs im Kopfe haben, also die Erinnerung an den ganzen Umfang des Begriffs. Ebenso wird jedes Kind, sobald seine Aufmerksamkeit dahin gelenkt wird, bei "Tier" die Arten mitdenken, die ihm geläufig sind.

In noch tiefer zurückliegenden Urzeiten der Sprache ist der Begriff und das Wort Hund gebildet worden, um gewisse einander ähnliche Tiere bequem zusammen bezeichnen zu können. Auch dieser Begriff ist schwebend; der Laie wird von manchem Vieh im zoologischen Garten ohne Belehrung nicht wissen, ob er es einen Hund nennen solle oder nicht; und der Fachmann dehnt die Familie der Raubtiere, die er Hunde nennt, wieder weiter aus, z. B. auf die Wölfe. Einerlei. Ein jeder denkt sich etwas bei Hund, und dass ein Hund ein Tier sei, ist ein so spottwohlfeiles Merkmal, dass man für gewöhnlich gar nicht daran denkt, seine Aufmerksamkeit gar nicht darauf richtet.

Mir kommt es nun darauf an, durch meine Darstellung nicht logisch zu beweisen, sondern fast handgreiflich zu zeigen, dass in diesem einfachen Falle — ebenso wie immer — rein psychologische Tätigkeit, bloße Erinnerung ist, was man logische Konsequenz zu nennen liebt. Konsequenz oder Folgerung ist ja auch genau betrachtet nur ein bildlicher Ausdruck von der Zeitfolge; und wie die Menschheit sich gewöhnt hat, die regelmäßige Zeitfolge von zwei Änderungen Ursache und Wirkung zu nennen, so möchte sie auch gern die regelmäßige Zeitfolge von Begriffen in Grund und Folgerung zerlegen. Nur dass Ursache und Wirkung wenigstens Korrelatbegriffe sind, Schluß und Folge aber eigentlich Synonyme. Nur dass die Regelmäßigkeit von Ursache und Wirkung zwar nicht in ihrem Wesen erkannt, aber doch zur Herstellung von Neuem nutzbar gemacht werden kann, die angenommene Regelmäßigkeit von Grund und Folgerung aber ein nutzloses Spiel bleibt, identisch mit dem, was die Psychologie Gedankenassoziation nennt. Wir denken uns die Begriffe in unserem Gehirn aktiv und gebrauchen dann das Bild, ein Satz folge aus dem anderen; dann wieder denken wir uns die Begriffe passiv und irgendeine Seele in uns aktiv und gebrauchen das Bild: ich folgere einen Satz aus dem anderen. Als ob ein Bauer sagte: Ich zeitige mein Korn. In Wirklichkeit ist es das vom Interesse geleitete Spiel der Erinnerung, welches — entgegen der strengen Zeitfolge von Ursache und Wirkung — ebensogut vorwärts wie rückwärts gehen kann. Die Erinnerung oder Gedankenassoziation führt vom Begriffe "Hund" so leicht und arbeitslos auf den Satz "der Hund ist ein Tier", wie das Auge den Flächenraum einer Wiese und ihre grüne Farbe zugleich wahrnimmt; die Arbeit dabei ist so gering. Dass ein Kind von anderthalb Jahren, wenn es erst das Erinnerungszeichen Wau-wau hat, sie schon leistet und z. B. (nach meiner eigenen Beobachtung) beim ersten Anblick einer Henne wau-wau sagt, womit es etwa ausdrücken will: Da ist auch etwas Zappliges.

Wieder ist es nur Erinnerung, Besinnung auf den Umfang des Begriffs, wenn ich bei "Tier" zu dem Satze komme, "einige Tiere sind Hunde". Ja, der Begriff "Tier" ist fast so unvorstellbar wie nur der Begriff "Etwas", wenn ich dabei nicht an irgendwelche Tierarten denke. Selbst im wissenschaftlichen abstrakten Gebrauch solcher Worte verlasse ich mich stillschweigend darauf, dass ich sie jeden Augenblick realisieren, mit Beispielen belegen, auf Vorstellungen zurückführen kann. Es hängt vom augenblicklichen Interesse, von meiner Aufmerksamkeit ab, ob ich zu dem Begriff Tier jetzt das Beispiel Hund oder Fisch denke. Alle diese hundert partikularen Urteile kann die Erinnerung aus dem Sammelbegriff Tier wieder herausziehen, je nach meiner Aufmerksamkeit. Es ist gar nicht notwendig, dass der allgemeine Satz "jeder Hund ist ein Tier" vorangegangen ist, um zu dem Partikularsatz "manches Tier ist ein Hund" zu gelangen. Nur unsere Aufmerksamkeit wurde durch den allgemeinen Satz "jeder Hund ist ein Tier" auf die Hunde gelenkt; das aber hätte das Wort Hund allein ebensogut besorgt.


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