Erzählende Urteile


Die Satzbildung oder das Urteilen braucht aber nicht immer vom Inhalt des Begriffes auszugehen; der Ausgangspunkt kann auch der Umfang des Begriffes sein, also etwas, was der Wirklichkeitswelt näher liegt. Wir kommen dann zu erzählenden Urteilen. So wenn die Tischgesellschaft erfährt, dem Hanswurst drohe zu Hause der Gerichtsvollzieher und er habe, um eine Schuld bezahlen zu können, aus Rücksicht auf Weib und Kind heute anstatt Schlei in Dill und Ente mit Oliven nur einen Käse bestellt. "Diese Sparsamkeit war gut, war löblich, war eine Tugend," heißt es dann wohl. Oder der Hanswurst selbst war neugierig darauf, ob sein Stückchen Käse recht reif sei oder ob Chester ein reifer Käse, kein Quark sein werde; dann kann er wohl berichten: "Chester ist ein reifer Käse" oder "dieser Käse war reif".

Wenn wir nun schon die Hauptmasse der Sätze, die der erklärenden, als Tautologien preisgeben müssen, so fragt es sich nun, ob nicht wenigstens die erzählenden Urteile dem Denken etwas hinzufügen, ob nicht Wenigstens die erzählenden Urteile den Esel aus der Tretmühle herausführen. Ich muß antworten: durchaus nicht. Was in der Schatzkammer unseres Gedächtnisses vorgeht, wenn wir so ein erzählendes Urteil bilden, das ist keine Bereicherung, es ist nur eine Untersuchung, ob die betreffende Note noch Kurswert habe, ob das betreffende Wort nicht Wertlos sei. Wenn wir erfahren, dass die Sparsamkeit Hanswursts in diesem Fall gut und löblich war, so sind wir und mit uns die Menschheit nicht in unserer Erkenntnis bereichert, sondern um einen Einzelfall reicher geworden, in welchem wir den Sprachgebrauch "Sparsamkeit ist eine Tugend" durch Übung befestigen. Und wenn Hanswurst erfährt, dass Chester, der "unter Käse steht", reif war, kein Quark war, so wird auch ihm der Sprachgebrauch durch Übung befestigt, dass das Wort "Käse" eine reife Ware bedeute.

Wieder muß ich mich gegen die philosophische Terminologie, wie sie besonders seit Kant üblich ist, Wenden und darauf hinweisen, dass erst die hier versuchte Kritik der Sprache imstande ist, die alten Ungeheuer a priori und a posteriori auf ihre bescheidene wirkliche Größe zurückzuführen. Unsere fast ganz wertlosen Urteile, die erklärenden Sätze, könnte man Urteile a priori nennen, weil sie auf die Worte unserer Sprache zurückgehen, weil sie sich aus früheren Erfahrungen, eben aus unserem Sprachschatz oder dem Gedächtnis, ableiten lassen. Und wenn die historische Entstehung des Begriffs a posteriori nicht gar so überflüssig wäre, so könnte man ihn Wohl auf die erzählenden Urteile anwenden, weil diese den von ihnen erklärten, oder besser, beschriebenen Begriffen für die Zukunft irgend einen kleinen Zusatz zu ihrer Festigkeit geben.

Zu den erzählenden Urteilen, zu den wertvolleren Urteilen a posteriori, würden dann auch freilich die ganz wertvollen Sätze gehören, die Mitteilungen wirklich neuer Beobachtungen, welche eigentlich allein zum Fortschritt der menschlichen Erkenntnis beitragen. Es ist dann gleichgültig, ob durch die neue Beobachtung alte zweifelhafte Urteile (Hypothesen) gesichert oder ob neue Urteile (Hypothesen) aufgestellt werden. Immer ist es etwas Neues, was ein Genie dem Sprachschatze der Menschheit hinzufügt. Ob Newton seine neue Hypothese aufstellt, das Urteil vom Verhältnis zwischen Gravitation und Entfernung, oder ob neuere Beobachtungen seine Hypothese an den sogenannten Störungen der Planetenbahnen bestätigen, immer ist unser Sprachschatz um ein wirkliches Apercu bereichert worden. Wenn Mendelejew die Hypothese von den regelmäßigen Eeihen der Atomgewichte aufstellt und bestimmte unbekannte Elemente mit bestimmten Eigenschaften voraussagt, oder wenn dann fünf Jahre später so ein neues Element wirklich entdeckt wird und anstatt des apriorischen Namens Ekaaluminium den aposteriorischen Namen Gallium erhält, so haben beide Entdecker mit mehr oder weniger Genie unseren Sprachschatz bereichert. Ebenso hat die Entdeckung Australiens die Sprache der Zoologie bereichert, sowohl durch neue Bestätigungen alter Urteile über die Säugetiere und die Beuteltiere insbesondere als durch Beschreibung neuer Arten.

 

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 © textlog.de 2004 • 30.04.2017 13:04:23 •
Seite zuletzt aktualisiert: 29.05.2006 
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