Bereicherung des Wissens


Niemals kann das Denken allein das Denken in Worten weiterführen. Eine Erweiterung der Erkenntnis ist immer nur möglich durch Beobachtung oder Anschauung und durch die direkten neuen Schlüsse aus der Beobachtung selbst, nicht durch Schlüsse aus dem Namen der Beobachtung, denn der Name der Beobachtung enthält immer nur die alten Schlüsse und mehr läßt sich aus ihm nicht herausziehen, als drin steckt.

Denn die Worte bedeuten oder vertreten oder sind doch immer nur die Begriffe, insoweit wir sie klar fassen und definieren können (in dieser Bemerkung liegt schon wieder der sprachliche Unsinn des "insoweit"; als ob es überhaupt möglich wäre, dass Worte mehr enthielten als unsere Kenntnis von den Dingen, als ob Worte geistige W'esen für sich wären). Lernen wir nun irgend eine Erscheinung besser verstehen, so heißt das doch nicht: wir wissen jetzt besser als früher, was dies oder jenes Wort bedeutet, sondern umgekehrt: die Bedeutung des Wortes wächst unbemerkt mit unserem Wissen. Als der Blutkreislauf entdeckt war, erfuhr man dadurch nicht etwa: Aha,, Herz bedeutet also eigentlich den Muskel usw., sondern das Herz, mit welchem die Leute bis dahin den Begriff eines merkwürdigen Fleischklumpens verbanden, der selbständig klopfte, wenn man erregt War, wurde jetzt als eine Art Pumpe aufgefaßt.

Wenn nun der Entdecker einer neuen Beobachtung oder sein Marodeur in Abhandlungen und sonstigen Wortarrangements logische Schlüsse ziehen, so bereichern sie vielleicht die Bibliothek ihrer Wissenschaft, aber nicht unser Wissen. Denn wie sie auch die Worte formelhaft setzen, um einen neuen Gedanken zu beweisen, sie können nicht darum herum, dass der Begriff ihres Gegenstandes, das Wort, durch ihre neue Beobachtung für sie seinen Wert verändert hat, dass sie es eigentlich neu definieren müßten.

Ein Forscher macht z. B. die Beobachtung, dass nicht nur einige heliotropische Pflanzen, sondern gewissermaßen alle Pflanzen, auf bestimmte Eeize hin freie Bewegungen (innerhalb gewisser Grenzen) machen können. Nun lassen sich ganze Bücher zu dem Zwecke schreiben, um zu beweisen, dass das Tier sich von der Pflanze nicht durch seine Bewegungsfreiheit unterscheide, dass die alten Definitionen der beiden Reiche nicht mehr passen. Das alles aber wäre für den Entdecker der Wahrheit nur ein leeres Gerede, ein Netzwerk von Tautologien. Denn im Augenblicke, als er seine Versuchspflanze sich auf einen Reiz hin bewegen sah, Wurde ihm von selbst die Pflanze sofort ein veränderter Begriff. Durch die Anschauung allein.

Was er an Rednerei und Wissenschaftlichkeit hinzutat, war nur zum Zwecke der Mitteilung und anderer Eitelkeiten nötig.

Ein Kind, das im Aquarium vor dem Behälter der Seenelke steht und plötzlich zusammenschreckend Wahrnimmt, dass die vermeintliche Pflanze einen Arm ausstreckt, das Kind verbessert sein Wissen und seine Begriffe nicht anders als der Beobachter der Pflanzenreize. Und wenn das Kind erschreckt ausruft: "Mama, die Blume will was!" — so hat es dasselbe getan, was der Professor, als er seinen Vortrag hielt.


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