Begriffsumfang


Es hängt aufs engste mit der Überschätzung der Logik zusammen und ist gewiß eine ihrer letzten Ursachen, dass man den Begriff bald auf seine psychologische Entstehung hin, bald auf seine logische Analyse hin betrachtet hat und nachher gewaltsam das Psychologische in das Logische einordnen wollte, dass man glaubte den Begriff oder das Wort wie ein mathematisches Zeichen gebrauchen zu können. Die Untrüglichkeit der Mathematik beruht darauf, dass ihre Zeichen eindeutig sind, willkürlich und thesei, und sonst überhaupt keinen Sinn haben; der Trug der Sprache beruht darauf, dass die Worte historisch à peu près geworden sind und im Verkehr immer noch à peu près gebraucht werden können, wenn sie auch jedem Einzelmenschen ein bißchen was Andres bedeuten.

Der Begriff oder das Wort ist nämlich psychologisch aus dem Begriffsumfang entstanden; das Wort ist für jeden Volksgenossen ein Assoziationszentrum nur für den Umfang, den er kennt. Dabei kann es recht gut zugegeben werden, dass große Gruppen eines Volkes, je nach Landschaft, Wohlstand, Bildungsgrad, Beschäftigung usw., über den Begriffsinhalt einig zu sein glauben oder es auch wirklich sind, so weit die Worte die gleichen sind, die den Begriffsinhalt bilden. Aber jedes dieser Worte geht psychologisch wieder auf seinen Umfang zurück, der für jedes Individuum ein anderer ist. So ist zuletzt auch die Übereinstimmung über den Begriffsinhalt nur ein Schein; über den Begriffsumfang sind aber sicherlich nicht zwei Menschen einig, mag der Begriff nun so konkret sein wie ein Kalb oder so abstrakt wie gut und böse. Dass die Menschen sich trotz der durchgehenden Ungleichheit ihrer Begriffsumfänge und der nur scheinbaren Gleichheit ihrer Begriffsinhalte durch Sprache dennoch so weit verständigen können, als etwa die groben Zwecke ihres Zusammenlebens verlangen, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass es in der Wirklichkeitswelt am Ende doch irgendwo und irgendwie eine geheimnisvolle Harmonie gibt, die weder in den Sinneswahrnehmungen noch in den Erinnerungen und "Abstraktionen" der Menschen ganz verloren gehen konnte.

Die Einsicht, dass der sogenannte Begriff nichts weiter ist als der Assoziationsbereich des Wortes, dass das im Lexikon so fest umrissene Wort in der psychologischen Wirklichkeit für jeden Menschen einen anderen Assoziationsbereich besitzt, müßte genügen, um die Wertlosigkeit der formalen Logik — und eine andere gibt es nicht — zu beweisen. Die Logik hat nur dann einen Wert, wenn ihre Zeichen oder Begriffe eindeutig sind. Das ist aber bei der Entstehung der Begriffe oder Worte gar nicht ausgemacht worden, wenn ich so sagen darf, während es bei der Erfindung der Mathematik wohl ausgemacht worden ist. Die formale Logik ist nur dann wertvoll, wenn die Begriffsinhalte ihren Begriffsumfängen absolut genau entsprechen, das heißt wenn es allen Menschen gemeinsame abstrakte Begriffe gibt. In die formale Logik kann ein Begriff eigentlich erst eingehen, wenn er vorher abstrakt geworden ist. Abstrakt ist aber immer nur der künstlich gebildete Begriffsinhalt; der Begriffsumfang oder der Assoziationsbereich des Begriffs ist immer konkret. Und mit diesem einzig Wirklichen am Begriff kann die Logik als mit etwas Konkretem nichts anfangen. Man könnte die Sache auch so ausdrücken: alle logische Deduktion wäre richtig, wenn auch nicht gerade fördernd, falls die Begriffe durch eine vollständige Induktion entstanden wären; aber eine vollständige Induktion gibt es nicht.


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