Anschauung und Wort


Die landläufige Psychologie unterscheidet so sehr zwischen Anschauung und Wort, sie sieht zwischen beiden eine so breite Leere, dass sie noch das Gespenst "Begriff" zwischen beide schieben kann. Und so haben wir uns gewöhnt, die Anschauung "Palme" vom Wortschall "Palme" zu trennen und zu glauben, es sei nicht dasselbe. Es ist aber nur eine Nuance zwischen Anschauung und Wort, und selbst diese Nuance erscheint erst, ja entsteht erst beim deutlichem Hinblicken.

Man sollte Anschauungen nur diejenigen Wahrnehmungen nennen, die noch nicht Begriff sind, weil sie zum erstenmal da sind. Wer zum erstenmal eine Palme sähe (das ist für Kulturmenschen fast eine Fiktion, weil wir schon als Kinder Abbildungen und exotische Exemplare gesehen und benannt haben), der hätte eine Anschauung, vor dem Begriff oder Wort, avant la lettre. Ebenso wer als Erwachsener etwa zum erstenmal (ohne je davon reden gehört zu haben) den Donner hörte. Ebenso ein Neger, der — unvorbereitet — bei uns zum erstenmal Eis fühlte. Das sind reine Anschauungen, die von uns aber sofort in unserm geistigen Einheits- und Harmonisierungstriebe klassifiziert wurden. Der Neger würde Eis vielleicht als "gefrorenes Feuer" klassifizieren. Gewöhnlich hat aber die Menschheit längst klassifiziert, und auf jedes "Was ist das" der verwunderten ersten Anschauung antwortete die Sprache oder eine Sprache: Der und das. So lernen wir sprechen, auch nach der Kindheit.

Ist aber die Anschauung erst durch ein Wort dem Gedächtnis eingeheftet (hat z. B. das Kind sprechen gelernt), so haben wir keine Anschauung, keine Verwunderung mehr. An einem Pferd auf der Straße gehen wir meist vorüber, ohne auch nur das Wort gegenwärtig zu haben, geschweige die Anschauung. Ein selteneres Ding, etwa eine Palme oder ein Löwe, wird uns schon das Wort auf die Lippen und Anschauungen vor die Seele bringen.

Erst wenn das Ding unsere Aufmerksamkeit reizt, wenn der Maler den Löwen oder die Palme malen will, wenn Kunst oder Interesse die Blicke spannt, dann entsteht etwas wie Anschauung auch après la lettre (I. 120).


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