Unbestimmtheit der Zeitformen


Wir kehren zu der Behauptung zurück, dass auch der Sinn der verbalen Zeitformen weit unbestimmter ist, als man das gewöhnlich glaubt. Ja ich behaupte noch mehr: dass nämlich die Raumverhältnisse durch die Adverbien weit bestimmter angegeben werden können als die Zeitverhältnisse durch die Zeitformen des Verbums. Einfach durch Steigerung oder Wiederholung der Adverbien. Das Ich ist immer der Orientierungspunkt, ich selbst bin, möchte ich sagen, der Schnittpunkt des Koordinatensystems. Ich kann dann ganz deutlich nicht nur bezeichnen, ob der Gegenstand vor mir oder hinter mir stehe, sondern auch weiter: ob ein zweiter oder dritter Gegenstand, von dem ersten aus gerechnet, vor oder hinter ihm stehe, näher zu mir oder entfernter von mir. Die Sprache ist fähig, ohne Zuhilfenahme der Zeichnung, z. B. die Bewegungen auf einem Schlachtfeld, ganz genau zu beschreiben. Die Sprache ist nicht in gleichem Maße befähigt, die relative Vergangenheit und Zukunft eindeutig auszudrücken. Ich werde mich im folgenden, um ganz klar zu sein, der geläufigsten Bezeichnungen der Grammatik bedienen.

Auch in den Zeitangaben bildet schließlich das Ich des Sprechenden den Ausgangspunkt. Für die Zeit, in welcher er spricht, sei es ein Augenblick oder ein Jahrtausend, besitzen wir die Sprachform der Gegenwart. Ich habe schon gesagt, dass diese Gegenwart recht ungleich sein kann. Gegenwart ist "es blitzt"; Gegenwart ist auch der Satz "die Erde dreht sich um die Sonne", obwohl dieses Drehen (wenn die Astronomen recht haben) uranfänglich nicht stattfand und einmal aufhören wird, obwohl diese Gegenwart trotzdem einen Zeitraum von Billionen Jahre umfaßt. Wir haben ferner für die Zeit, die dieser Gegenwart vorausliegt, die Form der Vergangenheit: Es donnert, es hat geblitzt; die Masse der Erde hat sich einmal von der Sonnenmasse losgelöst. Wir haben endlich für die Zeit, welche bevorsteht, die Sprachform der Zukunft: es blitzt, es wird donnern; die Erde wird einmal in die Sonne zurückstürzen. Nun aber können wir bei der Zeit wie beim Raum den Ausgang von einem Punkte nehmen, der vor oder hinter uns liegt. Messen wir von einem Punkte, der hinter uns liegt, so beziehen wir Vergangenheit und Zukunft auf diesen Punkt, so dass dessen relative Zukunft für unsere persönliche Gegenwart schon Vergangenheit ist. Das ist nicht etwa eine feine Konstruktion, sondern der alltäglichste Sprachgebrauch in der Erzählung. "Nachdem das deutsche Volk Napoleon besiegt hatte, fügte es sich den alten Regierungen." Der Satz hätte ebenso gut oder vielleicht besser lauten können: "Das deutsche Volk besiegte Napoleon und fügte sich dann den alten Regierungen." Man sieht aus diesem Beispiel, dass das Imperfektum wohl seinen offiziellen Sinn haben kann, den nämlich einer hinter uns liegenden Gegenwart, aber auch den des Plusquamperfektums, der Vorvergangenheit. In dem Satze "das deutsche Volk besiegte Napoleon" ist es ganz unbestimmt, ob das Imperfektum oder das Plusquamperfektum gemeint ist. Erinnern wir uns daran, was über die Verwandtschaft zwischen Partizip und Adjektiv gesagt worden ist, so werden wir hier bemerken, dass das Besiegtsein eine Eigenschaft oder ein Zustand ist, den wir einem Ding in der Vergangenheit beilegen. Lassen wir uns durch unsere Sprachformen nicht beirren, so werden wir die vollständige Identität des aktiven Plusquamperfektums und des passiven Imperfektums fröhlich gewahr werden.

Für eine Zukunft, die sich relativ auf eine Mitvergangenheit bezieht, haben wir keinen besonderen sprachlichen Ausdruck; wir haben kein Futurum, welches dem Plusquamperfektum entspricht. Im Raumverhältnis können wir das durch Adverbien sehr gut ausdrücken. Blicken wir von Berlin aus nach Norden, so liegt Italien hinter uns; zwischen uns und Italien, aber näher an uns heran, liegt hinter uns Tirol. In der Erzählung ist das entweder gar nicht oder nur durch mangelhafte Umschreibung wiederzugeben. Er schickte sich an, er gedachte usw., sind Imperfekte, die nur ungenau die Bedeutung einer hinter uns liegenden Zukunft haben. Jeder Erzähler weiß, wie schwer es oft ist, diesen einfachen Gedanken auszudrücken. Gewöhnlich hilft man sich mit der gebräuchlichen Zukunftsform und überläßt es dem Leser, herauszufinden, ob ein wirkliches Futurum gemeint sei oder ein relatives Futurum, eine Zeit, die zwischen dem Imperfekt und unserer Gegenwart liegt. Aus der Schwierigkeit des sprachlichen Ausdrucks ist es vielleicht zu erklären, dass die Poeten von diesem schönen und wirkungsvollen Motiv so selten Gebrauch machen. Der Dichter des Nibelungenliedes hat eine Vorliebe für diese nicht vorhandene Sprachform. Gleich in den ersten Versen versucht er zweimal ihren Ausdruck zu finden.

Er sagt:

"Kriemhild war sie geheißen, die war ein schönes Weib,

Darum mußten noch viele Degen verlieren ihren Leib."

Gemeint ist eine vergangene Zeit, welche für den Beginn des Nibelungenlieds eine Zukunft ist. Und wenige Verse weiter heißt es von der Ritterschaft zu Worms:

"Sie starben jämmerlich seither von zweier Frauen Neid."

Wieder haben wir also eine in der Vorstellung deutlich ausgeprägte Zeitform, die logisch genau dem Plusquamperfektum entspricht und für welche es trotz des Bedürfnisses keine Sprachform gibt.

Nehmen wir nun aber den Ausgang von einem Punkte in der Zukunft, so steht es noch schlimmer um die Formen und um die Bedeutungen der Zeit. Für den Ausgangspunkt selbst, also für das Geschehen, das wir für diese zukünftige Gegenwart voraussehen, besitzen wir keine andere Ausdrucksform als das sonst übliche Futurum. Es fehlt uns also, was noch niemand bemerkt zu haben scheint, ein Futurum der Prophezeiung, welches dem Imperfekt der Erzählung entspräche. Wir müssen, was doch nach meinem Sprachgefühl eine Unbestimmtheit, eine Verschiebung der Vorstellung ist, z. B. das jüngste Gericht mit Hilfe desselben Futurums beschreiben, mit dem wir aussprechen: "Im Juli werde ich aufs Land fahren."   Es fehlt uns eine erzählende Zukunft.

Wir besitzen freilich das Futurum exactum, die Vorzukunft, anders als das Plusquamperfektum. Wir besitzen sie, aber wir gebrauchen sie in der lebendigen Rede so gut wie gar nicht, selbst in der künstlichen Schriftsprache nur mit Widerstreben. Dagegen besitzen wir aber nicht die logisch geforderte Zeitform für eine Zukunft, die von uns noch weiter abliegt als der zukünftige Ausgangspunkt. Wir können räumlich ausdrücken, dass ein Vogel höher fliegt als der Gipfel des Baumes über uns, den wir zum Ausgangspunkt nehmen. Wir können dasselbe Verhältnis in der Zeit sprachlich nur wieder durch Adverbien ausdrücken, nicht durch eine Verbalform. Man stelle sich den Gedanken vor: Die Erde wird in die Sonne zurückstürzen; vorher wird sie ihre eigene Bewegungskraft einbüßen; nachher einmal wird sich vielleicht eine neue Erdmasse als Nebelball von der Sonne wieder lösen. Wir drücken das durch Adverbien aus, die offenbar etwas wie räumliche Bilder bieten. Den ersten Satz können wir noch zur Not durch eine Verbalform bezeichnen: "Wenn die Erde ihre eigene Bewegungskraft eingebüßt haben wird, dann wird sie in die Sonne zurückstürzen." Für den letzten Gedanken haben wir durchaus keine Zeitform. Wir müssen mit fast kindlicher Sprache wiederholen: "Und noch später wird sich vielleicht eine neue Erdmasse loslösen."

Die Unbestimmtheit der verbalen Zeitformen scheint mir also recht mathematisch bewiesen zu sein. Unsere Stellung in der Zeit nötigt uns, mindestens 9 deutlich ausgeprägte verschiedene Zeitverhältnisse auszudrücken; wir aber besitzen nur 6 Verbalformen, mit deren Hilfe wir ungefähr sagen, was wir wollen. Hätte ein Händler 9 verschiedene Sorten Wein und müßte sie in nur 6 verschiedenen Fässern verwahren, so könnte er nicht schlimmer daran sein als die Sprache mit ihren 6 Zeitformen. Dass es auch noch andere Zeiten gibt, wie z. B. im Indischen, Griechischen und Slawischen den Aorist, macht die Sache nur noch verwickelter; denn jeder Fachmann weiß, wie wenig bestimmt der Sinn des Aorists ist. Man hat seine Bedeutungen nach verschiedenen Gesichtspunkten in Klassen geteilt; den Griechen konnte aber die Verschiedenheit der Aoristklassen sicherlich ebenso wenig zum Bewußtsein kommen wie uns etwa die angeblichen Klassen der Genitivbedeutung. Es wird sich also wohl nicht anders verhalten, als dass auch die Verbalformen mangelhafte Versuche sind, den Ton und die Geste zu ersetzen, mit denen die Sprechenden einstens die zeitliche Stellung ihrer Vorstellungen ungenau genug ausdrückten. Für die Verhältnisse im Raum konnte die Geste länger ausreichen; sie war und ist leichter abzumalen. Die Gesten der Zeit mochten ursprünglich Metaphern von den Zeichen "hinten, da, vorn" sein. Wann immer sich aus diesen Metaphern die Formen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entwickelt haben mögen, sie litten an der Unbestimmtheit, wo das "da", die Gegenwart anzunehmen sei, und leiden noch heute darunter. Plusquamperfektum und Futurum exactum haben immer noch etwas von mathematischen Formeln, sie gehören der lebendigen Sprache kaum an; abgesehen davon, dass sie Formeln zu Hilfe nehmen müssen, in denen das Verbum seinen Charakter verloren hat und Adjektiv oder Nomen geworden ist. Wie wenig aber die Zeitformen dem Bedürfnis entsprechen, unsere Vorstellungen dem Hörer anschaulich zu machen, ergibt sich vollends aus der weit verbreiteten Gewohnheit, sämtliche Zeitverhältnisse durch die ursprüngliche Form des Präsens darzustellen, sobald die Rede lebhaft genug wird. Die Grammatiker helfen sich damit, dass sie sagen, das Präsens "vertrete" dann das erzählende Imperfekt oder irgend eine Zukunft. Das Präsens kann aber auch für das Plusquamperfektum und für das Futurum exactum eintreten. "Blücher rückt heran, Napoleon gibt jede Hoffnung auf": weniger lebhaft: "als die Armee Blüchers herangerückt war. gab Napoleon usw." oder "schließe ich das Geschäft ab, so bekommst du ein neues Kleid" anstatt: "Wenn ich das Geschäft abgeschlossen haben werde, wirst du ein neues Kleid bekommen."


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