Zeit und Gedächtnis


Als die Menschheit sprechen lernte, war das Gedächtnis sicherlich ausgebildet genug, um Erinnerungen zu ermöglichen und gewiß auch Erwartungen. Ob aber die Menschen damals schon sich auf einem Grenzpunkte der eindimensionalen Richtung zwischen Vergangenheit und Zukunft stehend empfanden, das scheint mir gar nicht so ausgemacht. Unsere Kinder von zwei bis drei Jahren, welche sich in den drei Dimensionen des Raumes wie alte Mathematiker zurecht finden, können die einfachen Zeitbegriffe gestern und morgen. Vergangenheit und Zukunft noch nicht anwenden, weil sie sie noch nicht fassen können. Ich habe einmal einem sehr intelligenten Kinde von zwei Jahren und acht Monaten den Unterschied von früher und später mit den Ausdrücken hinten und vorn mit gutem Ergebnis deutlich gemacht. Das Kind bildete nach ungezählten Jahrtausenden eine Metapher wieder, welche wir in den Worten Vergangenheit und Zukunft gar nicht mehr empfinden.

Der Raum ist beim Sehen immer gegenwärtig. Für den Raum hat das Gedächtnis keine andere Funktion, als dass es uns (abgesehen von der kleinen Hilfe einer Orientierung im Finstern) den abstrakten, den geometrischen Raum vorstellen läßt. Unsere Wissenschaft vom abstrakten Raume wäre ohne Gedächtnis nicht möglich; für unsere Orientierung im — ich möchte sagen — praktischen Raume genügen unsere Augen in der Gegenwart. Das Instrument ist so fein, dass Orte, deren Bilder auf der Netzhaut nur 3/1000 eines Millimeters voneinander entfernt liegen, noch deutlich unterschieden werden. So feine Zeiteinteilungen gibt es in der abstrakten Wissenschaft ebenfalls. Feine Zeitunterschiede empfindet das Gehör des Musikers, aber immer nur durch ihre ästhetische Wirkung, nicht so unmittelbar wie das Auge die Raumunterschiede.

Und wo die Augen versagen, da ist ja immer noch der eigentlich raumschaffende Sinn, der Tastsinn, vorhanden, der die Raumumstände immer gegenwärtig macht, so unverändert gegenwärtig, dass wir um einen Raum herumgehen und die Raumverhältnisse der Dinge von allen Seiten betrachten, ihre Unveränderlichkeit prüfen können und so vielleicht erst dazu gelangt sind, nicht nur die Raumverhältnisse, sondern auch den abstrakten Raumbegriff für etwas Wirkliches zu halten.

Die verhältnismäßige Realität des abstrakten Raumes, die verhältnismäßige Idealität der abstrakten Zeit verrät sich seltsam darin, dass die letzten Konsequenzen aus dem Zeitbegriffe, weil er ein leereres Wort war, früher gezogen wurden als die aus dem Raumbegriffe. Unendlichkeit des Raumes nämlich wurde zwar schon von den alten Atomistikern gelehrt, ist aber bis zur Stunde nicht über den Schulstreit ganz heraus. Noch Wundt hat einmal den Versuch gemacht, die Begrenztheit des Raumes dem Vorstellungsvermögen nahe zu bringen. Unendlichkeit der Zeit jedoch, die sogenannte Ewigkeit, ist ein uralter Begriff. Sprechen wir formelhaft von Zeit und Ewigkeit, so wirkt dabei die christliche Vorstellung mit, welche die Zeit als den begrenzten irdischen Zeitraum und die Ewigkeit als die unbegrenzte himmlische Zeit auffaßt. Nichts ist natürlicher als das Zögern der Menschheit, den Begriff des Raumes ebenso grenzenlos auszudehnen. Glauben wir doch im Himmel die Grenzen des Raumes zu sehen. Ich möchte noch eine Bemerkung hinzufügen, nicht über die Organe, aber über die Sitze des Zeit- und des Ortsinns. Spencer stellt a priori die Hypothese auf und glaubt sie nachher durch zahlreiche Beobachtungen unterstützen zu können, dass bei Tieren und Menschen das Kleinhirn ein Organ des Ortsinnes, das Großhirn ein Organ des Zeitsinnes sei. Die Zeit ist hoffentlich nicht mehr fern, wo man es aufgeben wird, in so wortabergläubischer Art die Lokalisation der wortgebildeten Denkprovinzen zu suchen. Ich glaube, bei solchen Untersuchungen oft Menschen zu sehen, die miteinander Blindekuh spielen, aber so, dass alle Mitspieler wirklich blind sind und jeder Einzelne in seinem eigenen abgeschlossenen Garten umhertappt. Man findet einander nicht. Hätte aber Spencer nur gesagt, dass die Gedächtnisarbeit (ich möchte gern bewußte Gedächtnisarbeit sagen) im Großhirn vor sich geht, dann wäre es ja selbstverständlich, dass das Großhirn unter anderem auch der Sitz des Zeitsinnes ist, wie es der Sitz des abstrakten Ortsinnes sein muß. Wenn das Kleinhirn der Raubvögel eine ungewöhnlich starke Entwicklung zeigt und so erklärt, dass die Raubvögel Distanz und Flugrichtung ihrer Beute außerordentlich scharf zu erfassen vermögen, so reicht dieses Kleinhirn dennoch nicht hin, den Pythagoreischen Lehrsatz begreifen zu lassen.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 10:58:25 •
Seite zuletzt aktualisiert: 20.04.2006 
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