Wirklichkeit und Worte


Es ist einer der wichtigsten Punkte in der Sprachkritik, dass wir den Zusammenhang oder vielmehr die Zusammenhanglosigkeit zwischen der Wirklichkeitswelt und den Sprachlauten erkennen. Nie und nimmer hat ursprünglich im Sprachlaute etwas gelegen, was zu einem Ding in der Wirklichkeitswelt direkte oder indirekte Beziehung hatte. Alle Bemühungen, die Sprache aus einer Nachahmung der Wirklichkeit zu erklären, müssen daran scheitern. Wir haben erkannt, dass auch die scheinbar handgreiflichsten Klangnachahmungen nur metaphorische Anwendungen des Klanges sind, und wir haben vermutet, dass selbst diese metaphorischen Klangnachahmungen erst nachträglich, durch eine Art von Volksetymologie, in den Klang hineingetragen worden sind (II. 517 ff.). Dieser Auffassung von der Onomatopöie widerspricht es also nicht, wenn wir jede Bezeichnung für Dinge oder Erscheinungen der Außenwelt für die Zeit der Sprachentstehung leugnen, wenn wir den Sprachlauten in einer Urzeit nur hinweisende Kraft zugestehen, wie wir ja übrigens auch der entwickelten Sprache nur eine hinweisende, deiktische Bedeutung beimessen. Wegener (Untersuchungen S. 88) nennt das gern den Imperativ des Sprechenden, das heißt die Aufforderung an den Hörenden, seine Aufmerksamkeit einem bestimmten Punkte der gegenwärtigen Situation zuzuwenden. Er weist darauf hin (unwillkürlich nennen wir eine Belehrung gern eine "Hinweisung"), dass im französischen Demonstrativpronomen diese Aufforderung noch zu entdecken sei. Ce (livre usw.) ist entstanden aus ecce oder ecce id. Sehr hübsch ist die Bemerkung, dass das s, mit dem in den indoeuropäischen Sprachen so unendlich häufig der Nominativ singularis, also die weitaus größte Zahl der Dinge in der Wirklichkeitswelt, bezeichnet wird, ein altes Demonstrativuni sei, unser "da". Dieses "da" mag in einer Urzeit der allgemeinste Begriff, das ewige psychologische Prädikat jeder Sprache gewesen sein. Wir können mit aller Phantasie nicht mehr die Wege des Laut- und des Bedeutungswandels rekonstruieren, auf welchem dann so ein "da" zu hundertfältigen psychologischen Subjekten wurde, welche dann dem "da" oder "s" vorangestellt wurden. Verwandte Vorgänge aber lassen sich an der Sprachbildung der Kinder noch beobachten.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 20:57:16 •
Seite zuletzt aktualisiert: 21.04.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright