Ursprung der Sprache


Die Pariser sprachwissenschaftliche Gesellschaft hat zwei Ziele der Untersuchung von ihrem Programm ausgeschlossen: das Streben nach einer Universalsprache und die Frage nach dem Ursprung der Sprache. Die erste Bestimmung ist selbstverständlich für kluge Männer; auch die zweite erscheint praktisch, wenn man erwägt, was für unhaltbares Zeug namentlich in Frankreich das 18. Jahrhundert zutage gebracht hat. Auch heute noch sind die Gelehrten, welche sich mit dem Ursprung der Sprache beschäftigen, der gleichen Gefahr ausgesetzt. Grau, Freund, ist alle Theorie, das wußte schon Mephisto; wir sind geneigt, in jeder Theorie Wortmacherei zu vermuten.

Keine Theorie über den Sprachursprung kann sich völlig davon befreien, erstens die Sprache auf die einzelnen "Worte zurückzuführen, sodann die einzelnen Worte in die sogenannten Wurzeln und die Bildungssilben auseinander zu hacken, wie man einen geschlachteten Ochsen in Fleischteile zerhackt, die dann erst — für den Schlächter und für die Köchin — ihre besondere Namen erhalten. Am lebendigen Ochsen gibt es keinen edlen Lendenbraten und keine schlechteren Teile. So wird es auch in der lebendigen Sprache keine Wurzeln und keine Flexionen, ja eigentlich auch keine einzelnen Worte geben. Hätten wir unsere künstliche Grammatik nicht, so besässen wir nur Sätze, die durch eigentümliche Betonungen gegliedert sind, nicht Worte. Es ist grammatische Willkür, dass wir z. B. "der Vater" und "des Vaters" schreiben und es darum getrennt empfinden; in der vorschriftlichen Zeit hätte man die entsprechenden Formen "dervater" und "desvaters" gehört und empfunden. Es kann mir nur Mut machen, dass so jede historische Untersuchung mit meiner Kritik der Logik zusammentrifft, in der ich zu beweisen hoffe, dass psychologisch der Schluß das Erste ist, der Satz das Zweite, das Wort das Dritte, oder dass — anders ausgedrückt — aus dem Worte nichts entwickelt werden kann, was nicht schon drin war. Die grammatische Betrachtung lehrt ebenso, dass in irgend einer Urzeit es immer schon Sätze, niemals bloße Worte gegeben hat, dass der erste Sprachschrei schon einen Satz ausdrückte.


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Seite zuletzt aktualisiert: 19.04.2006 
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